Die Himmelsleiter

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Gen 28,10-22

In vielen Kulturen kann man das Bemühen beobachten, der Welt ein Zentrum zu geben (vgl. den Turmbau zu Babel!). Daher kommt beispielsweise in China die Selbstbezeichnung „Reich der Mitte“. Dieses Zentrum ist gleichzeitig der Ort, an dem es eine Verbindung von der als wechselhaft und vergänglich erlebten Welt mit dem Himmel gibt. Der Ort war oft durch ein Zentralheiligtum gekennzeichnet. Dies konnte ein ein Berg sein, ein Baum, eine Säule oder ein anderes Bauwerk, und es verband sich mit der Vorstellung von einer Weltachse (axis mundi), die die Verbindung von Himmel und Erde ermöglicht. An solchen Stellen erwartete man entweder die Wiederaufrichtung des Paradieses oder besondere Erleuchtung. Sie waren für die Gläubigen der letzte Halt in der Welt.
Oft markierte ein Grundstein die Basis dieses Heiligtums, der damit zum Grund der Welt wurde, der nicht vom Tod überwunden werden konnte und in dem die Quelle des Lebens liegen sollte.

Die Geschichte von der Himmelsleiter, die Jakob in seinem Traum sieht, konnte ein Mensch z.Zt. Jakobs daher leicht verstehen. An der Geschichte von Jakobs Traum sind allerdings mehrere Dinge bemerkenswert: Jakob war kein Clan, der sich irgendwo niederlässt sondern eine Einzelperson. Zweitens hatte er nicht vor, an dieser Stelle sesshaft zu werden, sondern er befand sich auf der Flucht. Drittens machte er keine Anstalten, Gott zu suchen, sondern schlief einfach erschöpft mitten in der Wüste ein, als Gott sich ihm offenbarte.
Gott verwendete mit der Leiter ein Motiv, dass der damalige Mensch noch leichter verstand, als wir. Mit der Leiter wird eben die Weltachse offenbart, die Menschen in so vielen Kulturen gesucht haben. Und Jakob erscheint sie im Schlaf. Von der Leiter wird ausdrücklich gesagt, dass sie „auf die Erde gestellt“ war „und ihre Spitze berührte den Himmel“ (V 12). Es war also keine himmlische Erscheinung, sondern eine Erscheinung, die ausdrücklich Himmel und Erde verband.
Eine weitere Besonderheit sind die Engel Gottes, die darauf auf- und niederstiegen. Die Achse war also regelrecht bevölkert. Es war nicht einfach nur ein Übergang, sondern Ausdruck der Fürsorge Gottes für Jakob, die er in den herabsteigenden Engeln ausdrückte. Die heraufsteigenden Engel waren ein Bild der Verheißung, dass auch der Weg zu Gott nach oben offen ist. Allerdings lag hier ebenfalls eine Besonderheit in dieser axis mundi: es war nur eine Erscheinung, die am nächsten Morgen wieder verschwand.
Jakob konnte die Treppe nicht wirklich hinaufsteigen und bei Gott bleiben. Die Treppe war eine Verheißung, die Gott auch in Worte fasste: „Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham und der Gott Isaaks; das Land auf dem du liegst, dir will ich es geben und deiner Nachkommenschaft. Etc.“ (V 13)
Bevor es also ein geistliches Zentrum in Jerusalem gab, hat Gott Jakob ein Zentrum der Welt gegeben, das an keinen Raum gebunden ist: sein Wort. Auf dieses konnte Jakob sich verlassen, auch wenn er noch weiter zog und diesen Ort lange nicht wieder sehen sollte. Und Gott erhielt ihm die Hoffnung auf das Reich, in dessen Zentrum die Verbindung zum Himmel steht und dessen Nachkommen sich über die ganze Erde ausbreiten sollten.

Wieviel Jakob von dieser Verheißung verstanden hat, ist nicht klar. Am nächsten Morgen richtete er den Stein auf, weihte den Ort und gab ihm den Namen „Haus-Gottes“ (Bethel). Dies war verbunden mit dem Gelübde, Gott als Herrn zu verehren und aus dem Stein ein Haus Gottes zu machen, also vermutlich einen Ort, den er immer wieder aufsuchen wollte, um Gott zu suchen (V. 20-22). Er verstand die Erscheinung offenbar als eine Offenbarung über diesen Ort. Seine Reaktion war zumindest für die damalige Zeit typisch. Und typisch war auch sein Misstrauen der Verheißung Gottes gegenüber („Wenn Gott mit mir ist...“ V. 20).
Später wurde in Bethel tatsächlich ein bedeutendes Kultzentrum, das die Israeliten in falscher Sicherheit wiegte. Bis Gott diesem Elend irgendwann ein Ende bereitete:
„Denn so spricht der Herr zum Haus Israel: Sucht mit und lebt! Und sucht nicht Bethel auf und geht nicht nach Gilgal und geht nicht hinüber nach Beerscheba! Denn Gilgal wird ganz bestimmt gefangen wegziehen, und Bethel wird zum Unheil werden. Sucht den Herrn und lebt, damit er nicht für das Haus Josef wie Feuer wirkt, das um sich frisst, und für Bethel niemand da ist, der löscht.“ (Amos 5,4-6)

Was blieb, war die Verheißung. Und die erfüllte sich in dem, der das Reich Gottes gründete. Als Nathanael beeindruckt davon war, dass Jesus ihn bereits kannte, sagte Jesus: „Du wirst Größeres als dies sehen. Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel geöffnet sehen und die Engel Gottes auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen“ (Joh 1,50f).
Damit macht Jesus sich selbst zum Zentrum der Verheißung, die sein Vater dem Jakob gegeben hat. Er ist der Grund, auf dem wir zu Gott kommen können. Das Kreuz ist unsere axis mundi und Jesus der Grundstein des geistlichen Heiligtums, das niemals zerstört werden kann (anders als Bethel) und das uns das ewige Leben sichert.