Die Religion der Deutschen


Essayübersicht

Was ist „Naturmystik“?

Die Natur im Urzustand

Der Fall

Die Erlösung

Praktische Konsequenzen

Ethik

Pädagogik

Feminismus

Der Tod

Schöpfungsmythos

Mögliche Einwände

Nur für „esoterische Spinner“

Klingt selbstverständlich

Keine Bezeichnung

Keine Kirche

„Naturmystik“ ist eigentlich das Interesse an Umweltschutz

Die Naturmystik kennt keinen Gott

Konsequenzen

Was bedeutet die These für Christen?

Die Religion der Deutschen 1

Die Säkularisierung des Abendlandes scheint eine Tatsache zu sein. Von den einen wird sie begrüßt, von den anderen bedauert. Es wird diskutiert, wie weit sie sich bereits entwickelt hat, welche Auswirkungen sie haben mag und wie man sich darauf einstellen sollte. Aber niemand fragt, ob es sie überhaupt gibt. Die Abkehr vom Christentum ist nicht automatisch die Hinwendung zur Religionslosigkeit.
In diesem Artikel vertrete ich die These, dass eine neue Religion an die Stelle des Christentums getreten ist, eine Religion, die sich ihrer selbst noch nicht bewusst und doch jedem vertraut ist.

Ihre Wurzeln liegen in der Romantik, sie erfuhr in der Wandervogelbewegung und dann vor allem im Nationalsozialismus eine Renaissance und lebt in der Wählerschaft der „Grünen“ bis heute weiter.

Da es keine anerkannte Definition für den Begriff „Religion“ gibt, wähle ich zu ihrem Nachweis einen induktiven Weg: im Folgenden werde ich verschiedene Elemente der Religion beschreiben. Am Ende dieses Überblicks dürfte klar sein, dass die dargestellte Religion fast jeder Definition genügt. Und es wird ebenfalls klar sein, weshalb ich sie als „Naturmystik“ bezeichne.

Was ist „Naturmystik“?

Die Naturmystik ist eine Religion, in deren Zentrum die Natur steht und deren Heilserwartung an die Vereinigung (daher „Mystik“) mit der Natur gebunden ist. Was dies bedeutet, soll im Folgenden entfaltet werden.

Die Natur im Urzustand

Der Natur werden im Wesentlichen alle Eigenschaften eines Gottes zugeschrieben: sie hat alles aus sich hervorgebracht, gleichsam aus dem Nichts (so genau weiß man das nicht). Sie hat alles in Schönheit und Harmonie geordnet. Sie ist gut und vollkommen.

Der Fall

Durch diese positive Sicht der Natur stellt sich die Frage nach der „Theodizee“: Wie konnte es dazu kommen, dass die Erde ein so unwirtlicher Raum ist und wir uns so schlecht fühlen und benehmen? Als Antwort verweist der Naturmystiker auf unsere „Entfremdung“ von der Natur. Der Mensch ist als Körper eigentlich ein Teil von ihr und hat daher Anteil an ihren guten Eigenschaften. Er kann eigentlich im Einklang mit den anderen Lebewesen leben und ist wie sie Glied in einem Ökosystem. D.h. nicht, dass er keine geistigen Fähigkeiten entwickelt hat. Aber so lange er eine Einheit mit der Natur bildete, war auch sein geistiges und sogar religiöses Leben von den gleichen harmonisierenden Kräften der Natur geleitet. Der Mensch entwickelte zwar Kulte und („Natur“-)Religionen, aber er lebte mit unterschiedlichen Vorstellungen friedlich zusammen (harmonisch wie in einem Ökosystem).

Dieses sensible System wurde vordergründig durch die Technisierung des Alltags gestört, diese aber wiederum durch den Monotheismus hervorgebracht, der als der eigentliche Störer des geistigen Ökosystems angesehen wird. Seit die Menschen an den einen Gott glauben, duldeten sie keine anderen Religionen mehr. Sie entfremdeten sich untereinander, sie entfremdeten sich von der Natur, weil sie nach unnatürlichen Geboten leben mussten und das alles, weil sie durch diesen Glauben von sich selbst entfremdet wurden. Selbst- und Nächstenliebe sowie Umweltschutz hängen in der Naturmystik unauflöslich zusammen. Denn da der Natur heilsam-synchronisierende Kräfte zugeschrieben werden, führt wahre Selbstliebe nicht nur automatisch zur Nächstenliebe, sie ist sogar der einzige Weg dorthin! „Zu sich selbst zu finden“ ist der einzige Weg um zu meinem Nächsten und auch der Natur zu finden 2 .
„Sich selbst“ meint hier vor allem den eigenen Körper. Die Menschen entfremdeten sich von ihrem Körper durch Vorstellungen, die ihrem Körper nicht entsprachen und erlebten ihren Körper als Feind, den sie beherrschen mussten. Ähnlich fremd wurde ihnen auch die Natur, die sie nun zu beherrschen versuchten. Durch diesen Bruch wurde die Technisierung des Abendlandes möglich und machte die Natur zur fremden Urlaubswelt.

Die Erlösung

Ein Ausweg aus diesem Schlammassel besteht darin, sich die eigene Entfremdung bewusst zu machen und den Kontakt zu sich selbst, d.h. dem eigenen Körper, den eigenen Wünschen und Bedürfnissen und der Natur wiederherzustellen. Dies geschieht äußerlich über die Anwendung einer Ethik, von der der Gläubige denkt, dass sie das Ergebnis eines natürlichen Lebens sei.
Noch wichtiger aber ist die innere Entwicklung: der Gläubige versucht, sich seinen als natürlich vorgestellten Trieben so weit wie möglich zu fügen und sie nicht zu unterdrücken („leibfeindlich“ zu sein ist ein schwerer Vorwurf). Tut er das nicht, unterdrückt er also seine Triebe, kann es zu „Triebstau“ kommen, „Verklemmungen“, div. psychischen und in der Folge auch körperlichen Gebrechen.
Der Geist hat die Aufgabe, sich der Einheit mit der Natur wieder bewusst zu werden. Das ist ein Prozess der Bewusstseinsentwicklung aber auch der Gewöhnung, die „Stimme“ des Körpers wieder deutlicher wahr zu nehmen und ihr zu folgen.
Erst wenn der Geist nicht mehr als getrennt vom Leib, nicht mehr im Verhältnis von Diener und Herr verstanden und empfunden wird, ist der Mensch geheilt und leidet nur noch unter den Auswirkungen des Falls bei den anderen Menschen.

Praktische Konsequenzen

Ethik

Die Ethik ergibt sich direkt aus dem Erlösungsbestreben des Menschen: Gut ist jede Handlung, die der Mensch wollen würde, wenn er nicht gefallen wäre. In der Praxis ist man bemüht entfremdende (i.W. christliche) Einflüsse zu erkennen und systematisch zu ignorieren. Stattdessen sollen die natürlichen Wünsche wieder ausgelebt werden. Ein schlechtes Verhalten wird nicht mit dem Hinweis auf Werte oder Gesetze gerügt, sondern indem es in Zusammenhang mit entfremdenden Weltanschauungen gebracht wird.
Also wenn man beispielsweise die Brandrodungen der Indianer verurteilen möchte, genügt es nicht zu zeigen, dass dadurch die Umwelt zerstört wird (was natürlich der Fall ist). Man muss zeigen, dass dieses Vorgehen beispielsweise auf den Einfluss christlicher Missionare zurückzuführen ist (was hier natürlich nicht der Fall ist). Erst dann gewinnt das Verhalten eine ethische Dimension und wird als „gefallen“ oder verdorben betrachtet. Solange dieser Nachweis nicht erbracht ist, wird der Naturmystiker bis zum Umfallen dafür argumentieren, was für ein natürliches und schonendes Verfahren die Brandrodung eigentlich ist.

Pädagogik

Bei den eigenen Kindern versucht man die Wirkungen des Falls weitestgehend fern zu halten. Die Kinder sollen sich „frei“ (immer verstanden im Sinne des Erlösungswegs) entfalten können und ihren „eigenen“ Weg gehen 3 . Das ist das höchste Ziel des Naturmystikers. Sie sollen wissen was ihnen gefällt und sich nicht von anderen davon abbringen lassen. Trotz und Frechheit sind nicht per se schlecht, sondern zunächst einmal Ausdruck eines starken eigenen Willens.
Nun legt sich die Frage nahe, ob solche Kinder nicht zu lupenreinen Egoisten erzogen werden. Dass der Naturmystiker dies nicht befürchtet, liegt an seinem Glauben an die heilsam synchronisierenden Kräfte der Natur, also dass gerade durch die Selbstliebe alle friedlich zusammen leben.

Feminismus

Da Frauen sowohl von konservativen als auch feministischen Menschen als naturverbunden betrachtet werden (und Männer eher als geistig), wird eine Gesellschaft angestrebt, in der die Frauen herrschen. Der Feminismus hat also nichts mit Gleichberechtigung zu tun, sondern strebt eine neue Gesellschaft mit einer neuen Religion und einem veränderten Bewusstsein an.
Wen dies näher interessiert, der muss nur zum Stichwort „Matriarchat“ googlen und erhält ziemlich genau das Bild von Naturmystik, das ich bis hierhin entworfen habe.

Der Tod

Kann es eine Religion ohne Jenseitsvorstellung geben? Es kommt natürlich darauf an, wie man „Religion“ definiert und welche Ansprüche man an eine Jenseitsvorstellung stellt. Kann man im Buddhismus wirklich von einer „Jenseitsvorstellung“ sprechen, wenn das eigene Bewusstsein nicht mehr weiter besteht?
So ähnlich ist es auch in der Naturmystik. Der Mensch hört zwar als Person auf zu existieren. Er erwacht also nicht in einer anderen Welt. Aber er fühlt sich irgendwie geborgen in der Vorstellung, auch in seinem Tod Teil der natürlichen Abläufe zu sein. Der Naturmystiker beruhigt sich und andere mit dem Hinweis darauf, dass „der Tod zum Leben dazu gehört“, oder dass „das Leben nun einmal so sei“, oder auch dass er wieder „zurück kehrt“ in den „Schoß der Natur“ etc...
Der Tod wird also nicht besiegt sondern anders gedeutet. Dadurch soll ihm der Schrecken genommen werden. Der Naturmystiker träumt von der Vorstellung, ohne Todesfurcht, versöhnt mit seinem Schicksal und ergeben in die natürlichen Abläufe zu sterben.

Schöpfungsmythos

Die Evolution ist der Schöpfungsmythos der Naturmystik. Nur so kann man den energischen Kampf gegen den Kreationismus erklären. Die Evolutionstheorie erklärt zwar nichts 4 , aber sie entspricht ganz dem Bild, das der Naturmystiker von der Natur hat: nämlich als einer Größe, die selbstständig und ohne fremde Eingriffe (ganz wichtig!) alles hervorgebracht und geordnet hat.
Der Naturmystiker selbst wird natürlich darauf pochen, dass es eine rein wissenschaftliche Theorie sei. Nur hat das noch jeder von seinem Schöpfungsmythos behauptet.

Mögliche Einwände

Erfahrungsgemäß schwanken die Reaktionen auf die These von der Naturmystik als neuer Gesellschaftsreligion immer zwischen zwei Vorwürfen: einerseits klingt sie vielen zu esoterisch abgedreht um als Religion einer ganzen Gesellschaft anerkannt zu sein. Andererseits klingt sie zu vertraut und kommt den Menschen so „vernünftig“ vor.

Nur für „esoterische Spinner“

Tatsächlich wird die Naturmystik quer durch die Esoterik geglaubt und ernst genommen. Aber sie tut dies in dem Bewusstsein, eine kulturelle Verschiebung zu dokumentieren, die sich ohne ihr Zutun ereignet und weit über ihren eigenen Sympathisantenkreis hinaus das Bewusstsein der Menschen formt.
Eine Religion kann sogar Menschen prägen, die diese eigentlich ablehnen! Auch unter den frühen Kritikern des Christentums zeigt sich immer wieder ein deutlicher Einfluss eben der Religion, die sie ablehnen.
Im Zusammenhang mit der Naturmystik habe ich es oft erlebt, dass Menschen den einzelnen Teilen zustimmen, aber auf Abstand gehen, wenn sie die ganze Religion am Stück vor sich sehen.

Klingt selbstverständlich

Dieses Argument ist mir natürlich ein willkommener Beweis für die große Akzeptanz der Naturmystik in unserem Kulturkreis. Dass es dennoch falsch ist, könnte durch die müßige Aufzählung anderer Religionen gezeigt werden.

Keine Bezeichnung

Dieses Kennzeichen einer Religion ist sicher am schwächsten. In der Regel wird der Name ohnedies von den Gegnern vergeben. Bis dahin nenne ich sie eben „Naturmystik“.

Keine Kirche

Jede Religion braucht einen Ort, an dem der Glaube synchronisiert wird. Strittige Fragen müssen geklärt und neue Entwicklungen beurteilt werden. Z.B. gab es nach dem 11. September einen großen Synchronisationsbedarf, damit nicht manche anfangen, sich einseitig gegen den Islam zu stellen. Dies hätte leicht zu einer differenzierten Wahrnehmung des Phänomens „Monotheismus“ führen können, die natürlich nicht erwünscht war. Mittlerweile haben die Medien es geschafft, den „Fundamentalismus“ als Feind zu entwerfen und damit ist die religiöse Ruhe wieder hergestellt.
Damit bin ich schon bei der Organisation: es ist natürlich kein Kirchengebäude des Mittelalters mehr, sondern es sind die Medien. Durch sie wurde der 11. September zu einem Akt des religiösen Fanatismus und nicht zu einem Akt des islamischen Dschihad! Durch die Medien wird der Deutsche jeden Abend mit den Informationen versorgt, die er braucht, um in seinem Glauben gestärkt zu werden. Er erfährt also von der miserablen Umweltpolitik des Christen George W. Bush. Er erfährt aber wenig über die Vernichtung der Fauna durch vermeintliche Naturvölker (die im Übrigen nichts miteinander gemein haben, als die Tatsache, dass sie vom Westen als „Naturvölker“ betrachtet und verklärt werden).
Über die Partei der „Grünen“ hat diese Religion sogar eine respektable Organisation, deren Einfluss weit über ihre tatsächliche politische Kraft hinausgeht 5 .

„Naturmystik“ ist eigentlich das Interesse an Umweltschutz

Umweltschutz und Naturmystik haben nicht nur nichts miteinander zu tun, sie schließen sich oft sogar gegenseitig aus. Wie könnte man auch seinen Gott schützen? 6
- So kann man m.W. den Klimawandel wenn überhaupt nur noch durch vermehrten Einsatz von Atomkraftwerken stoppen und nicht durch Windräder. Atomkraftwerke sind aber geradezu das Sinnbild einer nicht-ökologischen Energiequelle, weil sie mit Prozessen arbeiten, die in keinen Kreislauf eingebettet sind.
- Menschen, die von Kindesbeinen an mit dem Wissen aufgewachsen sind, sich niemandem unterordnen zu müssen, sehen es nicht ein, sich auf einmal dem Umweltschutz unterzuordnen. Einschränkungen fallen den Menschen offenbar immer noch schwer, vielleicht sogar schwerer als früher, obwohl Umweltschutz schon seit Jahrzehnten ein wichtiges Thema in der Schule ist.
- Viele Menschen haben gerade durch die Naturmystik das Bedürfnis, naturnah zu wohnen. Dadurch kommt es erst recht zur Zersiedlung der Landschaft und der Abholzung von Gelände und zu langen Anfahrtswegen.
- Es sind gerade die eigenen Begierden, die ständig neue Erfindungen und Unterhaltungen nötig machen. Nicht ein natürliches Ausleben dieser Gier bringt den Menschen dazu, die Umwelt zu schonen, sondern gerade das Gegenteil: seine Selbstbeherrschung und Selbstbescheidung! Gerade die sog. „Naturreligionen“ sind ein gutes Beispiel dafür, dass der Mensch durch religiöse Scheu von der Gier abgehalten wird. Bei ihnen ist es keine Ehrfurcht vor der Natur, sondern Scheu vor Geistern und Götzen, wenn sie einen Baum nicht fällen oder einen Berg nicht betreten. Sie haben oft keine Angst vor dem Klimakollaps, sondern vor dem Zorn der Geister oder vor schädlichen Wirkungen irgendwelcher Gegenstände oder Handlungen! 7

Die Naturmystik kennt keinen Gott

Das stimmt. Bekanntlich gilt das aber auch für den Buddhismus und jede Form des Pantheismus. Trotzdem können wir in allen Beispielen von „Religionen“ sprechen. Vermutlich liegt das daran, dass der jeweilige Glaube das Gefühl der Hingabe kennt: Der Geist steht also nicht über den Dingen, sondern soll in ihnen aufgehen und in dem Bewusstsein der Einheit sich selbst auflösen.
Wollte man diesem Denken die Religion absprechen, würde vermutlich ein großer Teil der christlichen Mystiker religionslos.

Konsequenzen

Wenn die These von der Naturmystik als deutscher Gesellschafts-Religion trifft, ist Deutschland ein religiöser Staat, der alle anderen Religionen an den eigenen Werten misst. Es gäbe folglich keine Religionsfreiheit unter der Herrschaft der Vernunft, sondern nur die schwindende Duldsamkeit einer herrschenden Staatsreligion.
Die Grünen wären eine religiöse Partei, und viele Zeitungen bekämen ein greifbares Profil, weil sie nun einer Weltanschauung zugeordnet werden können, und nicht nur einer politischen Richtung.
Die Grenzen zwischen Entwicklungspolitik und Mission wären obsolet. Ein Großteil der in Deutschland verkauften Bücher wäre „Erbauungsliteratur“ der Naturmystik (z.B.: Person XY ist in unterdrückenden Verhältnissen aufgewachsen und hat dann zu sich selbst gefunden)

Eine der wichtigsten Konsequenzen wäre aber die Möglichkeit, diese Religion zu kritisieren.
Die Aufgabe so einer Kritik wäre beispielsweise zu zeigen, dass die Natur kein Paradieszustand ist, sondern selbst gefallen.

Sie kann auf die Wirkungen dieser Weltanschauung verweisen und auf deren abschreckende Wirkung hoffen (Kinder werden eben doch egoistisch und die anderen haben absolut nichts davon, Ehen, die an ausgelebter Lust scheitern, sind für niemanden erstrebenswert etc...)
Sie sollte immer wieder deutlich machen, dass die Naturmystik kein Gebot der Vernunft oder der Wissenschaft ist, um unsere Lebensgrundlagen zu erhalten, sondern weit darüber hinausgeht. Sie ist gehemmt metaphysisch und beweist eine wenn auch verirrte doch vorhandene Gotteserkenntnis.
Da der Monotheismus und insbesondere das Christentum als Feindbild schlechthin angesehen werden, wäre es gut mit verschiedenen Klischees über die Christianisierung aufzuräumen.

Was bedeutet die These für Christen?

Mission und Evangelisation hätten wieder ein klares Gegenüber. Die Menschen erscheinen nicht mehr als „Un-Gläubige“, die zum Glauben bewegt werden sollen, sondern als Menschen mit einer verschrobenen Gottesvorstellung, die etwas von dem lebendigen Gott erfahren sollen. Denn wer die Naturmystik versteht, entdeckt in ihr auch die entstellte Suche nach Gott. Und nach meiner Erfahrung, kommt man über diese Religion schnell mit Menschen in ein offenes Gespräch.

Ein weiterer Nutzen der These besteht aber für Christen selbst darin, dass sie auch in ihrem eigenen Leben die Möglichkeit haben, zu einem Denken auf kritische Distanz zu gehen, dem sie sonst leicht erlegen wären. Als Beispiel habe ich verschiedene Themen des „Frühstückstreffen für Frauen“ zufällig ausgewählt 8 :
„Glück ist ein Kontrastprogramm“
„Verflixte Schönheit“
„Geheimnis Zufriedenheit“
„In meinen Mauern als Königin leben“
„Depression – Krise oder Chance?“
„Ein Ja zur Familie“
„Warum kann ich nicht ohne Beziehung leben?“
„Stress lass nach – Überleben im Alltag“
„Menschbleiben – bei diesen Sachzwängen“
„Geheimnis eines ausgeglichenen Alltags“
„Erfüllte und erfolgreiche Frauen – was sind ihre Geheimnisse?“

Diese Themen haben alle zwei Dinge gemeinsam: Erstens ist keines von ihnen typisch christlich. Zweitens geht es in allen um die Frage, wie man gut leben kann – und zwar hier, auf dieser Erde! 9
Und genau das ist die Verführung der Naturmystik. Sie gaukelt den Menschen vor, sie könnten schon hier im Paradies leben, wenn sie nur zu sich selbst fänden. 10

Aber Jesus ist nicht für uns gestorben, damit wir unsere eigentliche Wünsche und Sehnsüchte erkennen und stillen, sondern um unsere Sünden zu vergeben. Und unser Heil liegt nicht in uns, sondern in Christus, nicht in dieser Welt, sondern im Himmel:
„Wenn ihr nun mit dem Christus auferweckt worden seid, so sucht, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes! Sinnt auf das, was droben ist, nicht auf das, was auf der Erde ist! Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott. Wenn der Christus, euer Leben, geoffenbart werden wird, dann werdet auch ihr mit ihm geoffenbart werden in Herrlichkeit.“ (Ko.3, 1-4)

Und bis dahin können wir das Seufzen der gefallenen Natur hören.


1 Als Deutscher kann ich vor allem über mein eigenes Land schreiben. Vermutlich gilt vieles aus diesem Text in Variationen für die meisten Länder Europas.
2 Vgl. die Autobiographie Joschka Fischers „Mein langer Lauf zu mir selbst“.
3 Die Anführungszeichen sollen zeigen, dass diese Begriffe mit Vorsicht zu genießen sind, denn das Weltbild des Naturmystikers hält klare Vorstellungen davon bereit, wie das Ergebnis aussieht. Wenn ein Junge, der eigentlich ohne erkennbare Erziehung und damit ohne entfremdende Einflüsse aufgewachsen ist, zum brutalen Schläger wird, wird niemand zugeben, dass hier jemand seine Natur frei auslebt!
4 Es gibt kaum einen Zustand der Welt, welcher die Evolutionstheorie widerlegen könnte: hätte sich nur eine einzige Bakterienkollonie entwickelt, widerspräche ihr das ebenso wenig, wie ein völlig lebloses Universum. Die Evolutionstheorie erklärt lediglich, weshalb sich innerhalb einer Population bestimmte Eigenschaften eher vermehren als andere. Und hier erlaubt sie tatsächlich Voraussagen. Der Kreationismus bestreitet lediglich die völlig überspannte Lesart der Evolutionstheorie, nach der sich alles Leben auf diesem Wege entwickelt habe. Und für diese Annahme braucht man tatsächlich mehr als die Evolutionstheorie. Manche Biologen haben dieses Manko erkannt und ergänzen sie dadurch durch Theorien, die bisher allerdings nur in der Esoterik Eingang gefunden haben und nicht als hilfreich im Kampf gegen den Kreationismus angesehen werden.
5 Wer die Naturmystik verstanden hat, wundert sich auch nicht mehr darüber, dass die Grünen sich eine Naturfarbe gewählt haben und das Ökologische Bewusstsein den ersten Platz im Parteiprogramm einnimmt, viele gesellschaftliche Themen aber viel stärker verfolgt werden als der Schutz der Umwelt. Der Naturmystik geht es nämlich nicht in erster Linie um Umweltschutz sondern um Bewusstseinsveränderung im Sinne einer naturnahen Lebens- und Denkweise. Aus diesem Grund haben viele Wähler die „Grünen“ als Mogelpackung empfunden.
6 Eine moralische Pflicht zum Umweltschutz sehe ich ausschließlich bei den drei monotheistishen Religionen. In allen anderen Fällen handelt es sich um Zweckmäßigkeit. Gerade Christen sollten eigentlich ein Vorbild auf diesem Gebiet sein.
7 Und zu diesen kann auch gehören, dass man Angst hat, sich die Haare zu schneiden, damit nicht jemand diese zum Schadenszauber gegen ihren Besitzer verwenden kann. Die Naturvölker haben sowenig mit Natur zu tun, wie „primitive Kulturen“ primitiv sind. Beides spiegelt westliche Erklärungmodelle wieder: im einen Fall die usprünglich naturnahe Lebensform im Gegensatz zu der modernen Entfremdung von der Natur. Im anderen Fall eine frühe Entwicklungsstufe im Verlauf eines evolutiven Fortschrittes. Vermutlich haben die so bezeichneten Völker nicht mehr gemeinsam, als dass sie eben als solche vom Westen wahrgenommen werden.
8 Ich habe auf die Angabe der Quelle verzichtet, weil es mir nicht darum ging, bestimmte Veranstalterinnen bloß zu stellen. Die Beispiele sind typisch für sehr viele christliche Veranstaltungen.
9 Man vergleiche dies mal mit einer neutestamentlichen Themen-Liste für Frauen in Titus 2,3-5!
10 Auch viele Christen kennen sicher das Bedürfnis, die Natur zu genießen. Aber ihr Gegenstand der Verehrung ist nicht ein bestimmter Baum oder die Natur als ganze, sondern Gott selbst. Den Christen sollte die Betrachtung der Natur nicht zur Selbstverwirklichung sondern zur Hingabe anhalten.