Jesus als Zwölfjähriger im Tempel


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Lukas 2,40-52

Die Erzählung vom zwölfjährigen Jesus im Tempel ist insofern bemerkenswert, als es das Einzige ist, was wir aus der Zeit zwischen der Darbringung Jesu im Tempel und seinem ersten öffentlichen Auftreten erfahren.
Es ist allerdings keine Kindheits-Geschichte. Jesus war in einem Alter, für das vermutlich die meisten Kulturen einen Übergangsritus vorsehen, also einen Akt, mit dem das Ende der Kindheit und der Beginn des Erwachsenseins besiegelt werden. Diese sog. „Initiations-Riten“ haben zum einen die Aufgabe, den Heranwachsenden in die Mündigkeit zu entlassen. Er soll also in das Leben nach der Erziehung entlassen werden und das Gelernte wie einen festen Besitz ergreifen. Im Wesentlichen geht es dabei immer um die religiösen/weltanschaulichen Grundlagen einer Gesellschaft.
Zum Anderen ist ein Initiations-Ritus auch immer ein Signal an die Gesellschaft, dass ihr ein neues vollgültiges Mitglied zugewachsen ist. Initiations-Riten enthalten daher immer auch einen öffentlichen Teil.
Gerade in alten Formen der Initiation steht das Sterben und Auferstehen im Zentrum, also das Sterben in einer alten Daseinsform und das Auferstehen in einer neuen. Wie sich zeigen wird, enthält auch der Text in Lukas 2 diese Elemente einer Initiation.

V. 40 Das Kind aber wuchs und erstarkte, erfüllt mit Weisheit, und Gottes Gnade war auf ihm.

Jesus kam nicht wie Adam als fertiger Mann auf die Erde, sondern durchlief die vollständige natürliche Entwicklung eines Menschen. Er hatte Sünder als Eltern erhalten, die Fehler in der Erziehung machten und keine perfekten Vorbilder waren. Die Bibel kennt keine „heilige Familie“ Jesu. Er wuchs von der ersten Sekunde seiner Empfängnis an in einer gefallenen Welt auf und lebte in einer gefallenen menschlichen Gesellschaft. Er kennt alle negativen Einflüsse, denen Kinder in ihrer empfänglichsten und sensibelsten Zeit unterliegen und er kennt die Versuchungen, die sich daraus ergeben. Er kennt die Schwierigkeiten, den Eltern zu gehorchen, er weiß, wie schwer es sein kann, sich von bösen Plänen schlechter Freunde fernzuhalten. Er lernte die Grausamkeiten unter Kindern kennen und mit Menschen aufzuwachsen, die jede Sekunde nur an sich selbst denken. Die Botschaft aus V. 40 ist daher umso erstaunlicher: er wuchs und erstarkte, erfüllt mit Weisheit, und Gottes Gnade war auf ihm. Der Abschnitt endet in V.52 ähnlich: „Und Jesus nahm zu an Weisheit und Alter und Gunst bei Gott und Menschen.“
Damit erfüllte sich, was Jesaja schrieb: „Und ein Spross wird hervorgehen aus dem Stumpf Isais, und ein Schössling aus seinen Wurzeln wird Frucht bringen. Und auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und Furcht des Herrn“ (Jes.11,1f)
Das Besondere an Jesus war von Anfang an vorhanden und zeigte sich im Laufe seiner Entwicklung immer deutlicher. Es gab also nicht ein bestimmtes Erlebnis, dass ihn völlig verändert hätte (auch der vorliegende Text schildert nicht so ein Ereignis). Was war nun das Besondere an Jesus? Es wird nicht gesagt, dass er, der die ganze Weltgeschichte in der Hand hält, besondere Führungsqualitäten hatte und immer andere Kinder ihm nachliefen. Es wird auch nicht gesagt, dass er sich besonders raffinierte Rätsel ausdenken konnte oder sonst wie durch Intelligenz im modernen Sinn aufgefallen wäre. Was er besaß, war etwas vollkommen anderes: Jesus besaß Weisheit, und die kommt aus der Gottesfurcht:

Spr.1,7 „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis.“

Der gefallene Mensch wählt intuitiv mit den ersten Regungen seines Herzens die Gottlosigkeit. Je nach Geschmack sieht man dem Säugling das mehr oder weniger lange nach, bis man es dann irgendwann nicht mehr „süß“ findet und mit der Erziehung beginnt. Die Erziehung ist ein ständiges Erinnern an die angeborene Verdorbenheit des Menschen. Und sie zeigt sich gerade bei den Kindern noch besonders deutlich:

„Torheit steckt dem Knaben im Herzen; aber die Rute der Zucht treibt sie ihm aus.“ (Spr.22,15)

Hierzu passt auch die Drohung Gottes, in Jerusalem nur noch „Knaben“ und „Mutwillige“ herrschen zu lassen (Jes.3,4). Dabei scheinen Kinder nicht grundsätzlich schlechter als Erwachsene zu sein, aber sie haben weniger Erziehung hinter sich, durch die sie etwas Klugheit lernen mussten. Initiationsriten stellen damit auch ein Ende dieser kindlichen „Torheit“ dar: alles, was an Ungeradem an dem Kind ist, soll nach der Erziehung mit einem feierlichen Bekenntnis am Besten begraben werden und der erneuerte Mensch soll aus der Initiation hervorgehen.

Dass Jesus in der Zeit vor seinem 12. Lebensjahr mit Weisheit erfüllt war, macht deutlich, dass er diese Weisheit nicht durch Erziehung aufgeprägt bekam, sondern sie als Wesenszug mitbrachte.

V.41 Und seine Eltern gingen alljährlich am Passahfest nach Jerusalem.

Jeder männliche Jude musste dreimal zu den großen Festen im Tempel vor dem Herrn erscheinen (Ex. 33,17; 34,23f; Dt.16,16f). Unklar war, ab welchem Alter diese Regelung galt. Nach der gängigen Auffassung sollte ein Junge von klein auf zur Einhaltung der Gebote angehalten werden, die er schon befolgen konnte. Mit 13 Jahren war er aber spätestens zur Einhaltung aller Gebote verpflichtet. Man kann also davon ausgehen, dass Eltern ihre Söhne vermutlich regelmäßig mit dem 12. Lebensjahr zum ersten Mal in den Tempel mitgenommen haben, um ihn an diese Pflicht zu gewöhnen und ihn in den Festbetrieb einzuweisen. Bei der vorliegenden Erzählung wird es sich vermutlich um diesen ersten Zug zum Tempel gehandelt haben.
Die Frauen waren nach dem Gesetz zwar nicht verpflichtet, in Jerusalem zu erscheinen, für Maria und viele andere Frauen war es aber üblich (vgl. 1.Sam.1,3-7).

V.42 Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach der Gewohnheit des Festes;

Es ist nicht ganz klar, worin die „Gewohnheit des Festes“ bestand: war es die Gewohnheit, jährlich zum Passahfest zu gehen, oder die Gewohnheit, die 12-jährigen Söhne in den Festbetrieb einzuführen? Da es die Gewohnheit des Festes ist, scheint mir ersteres zutreffend.
Nach meiner Einschätzung war Jesus zum ersten Mal dabei – auf die Gründe werde ich später eingehen.

V.43 und als sie die Tage vollendet hatten, blieb bei ihrer Rückkehr der Knabe Jesus in Jerusalem zurück; und seine Eltern wussten es nicht.

Welche Tage mussten vollendet werden? Das Fest dauerte sieben Tage, unklar ist aber, wie lange der Pilger davon in Jerusalem zu verbringen hatte.

Nach dem Fest blieb Jesus in Jerusalem zurück. Die Schriftgelehrten boten im Anschluss an die Festtage Unterricht für die Jungen an, vielleicht speziell für diejenigen, die zum ersten Mal mit zum Fest gekommen sind.
Es mag überraschen, dass Jesus offenbar ohne Absprache mit seinen Eltern im Tempel geblieben ist. Allerdings ist darin keine fehlgeleitete Freiheitsliebe zu sehen. Um das Verhalten richtig einordnen zu können muss man seine eigene Erklärung berücksichtigen: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“
Damit zeigt Jesus, dass er davon ausging, seinen Eltern sei klar, wo er sich aufhält. Sie hätten es wissen müssen, wenn sie nicht aus dem Blick verloren hätten, wer sein wahrer Vater ist.
Für einen normalen Jungen war es sicher keineswegs das naheliegendste Verhalten. Die Motivation eines jungen Juden die Tora kennen zu lernen mag wohl größer gewesen sein als bei heutigen Konfirmanden, aber vermutlich bewegte sich das Interesse auch damals durchaus in dem Rahmen, den die Eltern und Lehrer vorgegeben haben. Dass ein Junge ohne fremden Antrieb einen Lehrraum aufsuchte, dürfte auch damals eher die Ausnahme gewesen sein – und seine Eltern rechneten ja offenbar auch nicht damit. Sie waren eine Tagereise entfernt und suchten drei Tage nach Jesus, d.h. sie suchten halb Jerusalem ab, bevor sie auf die Idee kamen, ihn im Tempel zu suchen. Das zeigt, wie fern ihnen der Gedanke lag, ihr Sohn könnte aus geistlicher Sehnsucht und Liebe zu Gott seinem Vater im Tempel geblieben sein, bis seine Eltern ihn wieder abholten.
Indem Jesus zurückblieb tat er also etwas sehr Ungewöhnliches. Er unterschied sich nun von allen anderen Pilgern, die wieder nach Hause zurückkehrten, als die Tage „vollendet“ waren. Bis hierhin war er einer von ihnen, ging die gleiche Strecke, sang die gleichen Lieder, vollzog die gleichen Rituale wie die anderen und doch hatte seine Reise nichts mit der Reise der anderen zu tun. Denn während die Pilger unter dem Gesetz standen und eine Pflicht erfüllten, die sie zwang, eine zeitlang in die Fremde zu reisen, ging Jesus nach Hause zu seinem Vater. Die anderen waren bei Gott Fremde, Jesus war zu hause. Für die übrigen Pilger war es eine fromme Pflicht, für Jesus war es ein Stück Heimat, das seine Sehnsucht nach seinem himmlischen Vater lebendig werden ließ.

V.44 Da sie aber meinten, er sei unter der Reisegesellschaft, kamen sie eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten;

Die Reise zum Passah wurde üblicherweise in einer Reisegesellschaft begangen. Diese Art des Reisens war sicherer und sicher auch unterhaltsamer – nicht zuletzt kann man viele Wallfahrtspsalmen nur in einer Gruppe sinnvoll singen.
Diese Reisegesellschaften haben sich vermutlich als Zusammenschluss eines Dorfes gebildet. In Jerusalem trennte man sich zum Übernachten und verabredete für die Rückreise einen für alle gut erreichbaren Treffpunkt aus. Dieser konnte offenbar bis zu einer Tagesreise entfernt liegen, was bei einer Reisegruppe etwa einer Entfernung von 30-40 km entsprach. Erst an diesem Sammelpunkt fiel den Eltern auf, dass Jesus nicht dabei war. Wieso sind sie nicht mit ihm zusammen gekommen? Entweder gingen Männer und Frauen getrennt, was bedeuten würde, dass auch Jungs mit 12 Jahren oft noch mit ihrer Mutter gingen. Oder die Kinder haben sich selbstständig irgendwelchen Bekannten angeschlossen oder sind als lose Gruppen zum Treffpunkt gekommen. Ob Maria und Josef hier fahrlässig gehandelt haben, lässt sich nicht sagen. Der Text gibt sich mit einer Erklärung für den Irrtum der beiden zufrieden und als Leser sollten wir das auch tun.

Vermutlich bestand ein Großteil der Reisegesellschaft aus „Verwandten und Bekannten“. Maria und Josef hielten es für das nächstliegende, Jesus bei seiner fleischlichen Verwandtschaft zu suchen. Es fällt dem Menschen sehr schwer, seine Gedanken auf geistliche Dinge zu richten, und obwohl Maria von Gott großartige Verheißungen über ihren Sohn erhalten hat, sah sie in ihm vor allem ihr Kind, dessen Zentrum sie, Josef und die Familie sein sollte.

V.45 und als sie ihn nicht fanden, kehrten sie nach Jerusalem zurück und suchten ihn.

Nachdem die Suche unter den Verwandten und Bekannten erfolglos blieb, wurde die Sache ernst: Jesus war verschwunden und es gab keinen Hinweis darauf, wo er jetzt noch sein könnte. In diesem Moment werden Maria und Josef schlagartig die schlimmsten Befürchtungen gekommen sein: Jesus ist tot.
Solche Gedanken müssen sich nicht entwickeln, man braucht keine Phantasie oder eine Neigung zur Schwarzmalerei, sie gehören zum Standardrepertoire aller Eltern. Man kann nur erahnen, was es für Maria und Josef bedeutet haben musste, drei Tage (!) erfolglos nach ihrem Kind zu suchen.

Hier findet sich ein Moment, dass typisch für eine Initiationsgeschichte ist: der Heranwachsende stirbt. Nur hier mit dem Unterschied, dass Jesus ja gar nicht gestorben ist, sondern seine Eltern ihn lediglich verloren und vermutlich tot glaubten. Sie erleben in Gedanken den Verlust ihres Sohnes, während Jesus nichts ahnend im Tempel saß. Es handelt sich also um eine Initiation, die sich vollständig auf der Seite der Eltern abspielt.

V.46 Und es geschah, dass sie ihn nach drei Tagen im Tempel fanden, wie er inmitten der Lehrer saß und ihnen zuhörte und sie befragte.

Schließlich fanden sie ihn im Tempel bei den Lehrern, während er zuhörte und fragte. Jesus trat noch nicht als Lehrer auf und nahm die Stellung eines Schülers an. Ob es ihm vor allem darum ging, die gesellschaftliche Ordnung nicht zu stören, oder ob er wirklich hoffte, von diesen Lehrern etwas lernen zu können, lässt sich aus dem Text nicht sicher schließen.

Für die Eltern endete zunächst die dreitägige Marter, die vermutlich nur ein Vorgeschmack auf die drei Tage zwischen Jesu Tod und Auferstehung waren. Es war mehr als ein Vorgeschmack, nämlich eine Vorbereitung. An die Suche des zwölfjährigen Jesus und ihre Todessorge um ihren Sohn hätte Maria später denken sollen – und hat sie vielleicht gedacht – als sie Jesus zu Grabe trug.

V.47 Alle aber, die ihn hörten, gerieten außer sich über sein Verständnis und seine Antworten.

Es wäre zu kurz gegriffen, wenn man den jungen Jesus als „hochbegabten“ Schüler betrachtet. Für Jesus waren die Worte Gottes kein Lehrstoff, der mit Druck eingetrichtert werden musste, es war der Geruch der himmlischen Welt, die er aus Liebe zu den Verlorenen zurückgelassen hat. Die Gedanken an das Wort seines Vaters begleiteten ihn und waren ihm ständig vor Augen. Das war der Grund für sein außergewöhnlich sicheres Verständnis der heiligen Schriften und seine Erkenntnis mit Vollmacht.

„Verständiger bin ich als alle meine Lehrer. Denn deine Zeugnisse sind mein Überlegen.“ (Ps.119,99)

Aber noch etwas Wichtigeres kann man aus diesem Text lernen: Maria und Josef kämpften gerade mit der Furcht vor Jesu Tod, als sie ihn mitten unter seinen Lehrern fanden, die ihn für seine unfassbare Weisheit bestaunten. Seine Eltern glaubten, ihn verloren zu haben und fanden ihn erhöht unter den Höchsten des Volkes. Sie waren eben noch verzweifelt, dass sie ihren Sohn nicht beschützen konnten und fanden ihn gekrönt mit der Anerkennung fremder Menschen.
Ähnlich ging es den Frauen am Ostermorgen: sie suchten einen Leichnam und wurden die ersten Zeugen der Auferstehung.

Dies ist der zweite Teil der Initiationsgeschichte: die Auferstehung. Aber auch hier handelt es sich um keine wirkliche Auferstehung, sondern eine, die sich wieder nur in der Wahrnehmung der Eltern abspielte. Sie waren diejenigen, die etwas lernen mussten, nicht Jesus. Sie mussten mit der schmerzhaften Tatsache konfrontiert werden, dass Gott ihnen ihren Sohn zu seiner Zeit einfach nehmen kann. Und dass er ihn zu seiner Zeit vor allen Menschen ehren kann.

Diese Lektion mussten allerdings nicht nur Jesu Eltern durch nehmen, sondern auch die Jünger. Petrus wollte Jesus vor dem Tod bewahren, die Volksmenge wollte ihn zum König machen und die Jünger wollten Jesus auf seinem Weg zum Vater begleiten. Jesus musste sich wiederholt gegen menschliche Übergriffe und Vereinnahmungen wehren und er verließ seine Jünger u.a. mit der Begründung, dass dies für sie besser sei, weil dann der Heilige Geist komme (Joh 16,7). Und der ist unsichtbar und weht wo er will.

Die Vereinnahmung Jesu stünde aber nicht in der Bibel, wenn diese Gefahr nicht weiter bestünde. Diese Geschichten sollen uns den Blick dafür schärfen, wann aus einer Liebe zu Jesus eine Vereinnahmung wird, wenn wir uns derart zu ihm zählen, dass wir uns gleichsam mit ihm zu den Guten zählen und seine Qualitäten bei uns selbst wähnen. Und wir lernen den Umgang mit dieser Versuchung am besten, wenn wir uns mit Jesu Tod und Auferstehung beschäftigen: wenn wir also wie Maria und Josef Jesus auf seinem Weg zum Kreuz begleiten und merken, wie uns alles aus der Hand geschlagen wird. Wir sollen die Hoffnungslosigkeit ohne ihn erkennen und verstehen, dass wir ohne ihn nichts mehr haben und sein Tod unseren Tod bedeutet.
Dann wird seine Auferstehung für uns umso wertvoller, weil wir ohne Einfluss unserer Mitarbeit sehen, dass er außerhalb von uns das Heil geschaffen hat. Daran können wir sehen, dass Jesus ohne unsere Kraft zum Sieg kommt und uns eine Erlösung schafft, die nicht von uns abhängt.
Von dieser Freude waren seine leiblichen Eltern im ersten Moment nicht bestimmt:

V.48 Und als sie ihn sahen, wurden sie bestürzt; und seine Mutter sprach zu ihm: Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.“

Maria wirft Jesus hier keinen Ungehorsam vor, sondern, dass er ihnen Schmerzen bereitet habe. Aber es ist auch kein richtiger Vorwurf sondern ein Ausdruck der Fassungslosigkeit. Bei einem Kind, dem die Gefühle seiner Eltern ohnehin immer egal sind, stellt man so eine Frage nicht. Bei einem gedankenlosen Kind wird man direkter tadeln. Aber die Frage Marias ist Ausdruck eines großen Schmerzes zusammen mit dem Wissen, dass Jesus eigentlich ein Kind ist, das seinen Eltern gehorcht, sie liebt und nichts weniger will als ihre Schmerzen. Maria versteht nicht, wie ihr Sohn ihr ohne böse Absichten diese Qual zugemutet hat.
In ihrer Fassungslosigkeit zeigt Maria aber auch ihr Bild von Jesus: sie sieht in Jesus nur ihren Sohn, genauer gesagt, das Kind, für das sie und Josef die Verantwortung tragen. Sie scheint das Erstaunliche an dieser Situation überhaupt nicht zu bemerken, dass Jesus nämlich die Gelehrten des Tempels mit seiner Weisheit außer sich geraten lässt. Sie und Josef sind „bestürzt“. Es war kein gewaltiges Durchatmen, keine große Erleichterung, sondern vor allem Fassungslosigkeit über Jesu Verhalten.

V.49 Und er sprach zu ihnen: Was (ist der Grund dafür) dass ihr mich gesucht habt? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?

Jesus stellt klar: Er muss in dem sein, was seines Vaters ist. Und er war seinerseits überrascht, dass seinen Eltern dies nicht klar war.
Der Leser hat bis hierhin die Version der verzweifelten Eltern verfolgt und ist erst mal erleichtert, wenn das Problem aus der Sicht der Eltern gelöst ist; und wird nun von der Antwort Jesu ebenso überrascht wie sie. Woher hätten sie denn wissen sollen, dass Jesus im Tempel geblieben ist? Es gab ja offenbar keine Abmachung oder Sitte, die dies nahe gelegt hätte.
Der einzige Grund lag in dem Auftrag Jesu. Wenn er davon spricht, dass er in dem sein muss, was seines Vaters ist, beruft er sich auf eben diesen Auftrag – von dem Maria ja auch wusste. Nur, was bedeutet das?

Es liegt nahe, diese Frage auf den Tempel zu beziehen, also: „Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?“ Diese Interpretation liegt sogar so nahe, dass sie in manchen Übersetzungen auftaucht. Sie hat aber mindestens zwei Haken: erstens steht es nicht da, obwohl es im griechischen kein Problem ist, vom Tempel zu reden, wenn man den Tempel meint. Zweitens ist Jesus ja gar nicht immer im Tempel und geht auch jetzt wieder mit seinen Eltern zurück.
Die Antwort Jesu ist so formuliert, dass in ihr ein grundsätzliches Prinzip anklingt: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“
Seine Eltern hatten also keine Chance ihn zu finden, wenn sie in ihm nur ihren Sohn sehen. Jesus machte das indirekt deutlich, wenn er von seinem „Vater“ und ganz offensichtlich nicht Josef meinte. Diese Klarstellung ging natürlich genauso an die Adresse Marias. Später musste sie sich noch mindestens einmal mit der Tatsache auseinandersetzen, dass die Gemeinschaft mit Menschen, die den Willen Gottes tun, Jesus allemal mehr bedeutet, als die Gemeinschaft mit seiner Mutter (die ihn aus dieser Gemeinschaft nämlich herausholen wollte Mt 12,46-50).

Maria und Josef hatten aber auch keine Chance ihn zu finden, wenn sie in ihm nur irgendeinen Retter sehen. Es ist unwahrscheinlich, dass Maria die großen Verheißungen über ihren Sohn völlig vergessen haben sollte. Aber sie konnten ihn nur finden, wenn sie in ihm den Sohn Gottes sehen, den Messias, der im Auftrag Gottes kam. Dann wären ihre Gedanken sofort zum Tempel gegangen.

Wenn Eltern ein zwölfjähriges Pflegekind bekämen und sie gingen mit ihm zu einem Fest, auf dem auch die leiblichen und geliebten Eltern dieses Kindes sind, würde man nicht als Erstes vermuten, dass es so lange wie möglich die Nähe seiner leiblichen Eltern suchen wird? Wer würde ihm daraus einen Vorwurf machen? Wo sollte dieses Kind denn sonst sein?
Nein, wenn die Pflegeeltern das Kind wieder mitnehmen möchten, müssen sie es behutsam zum Mitkommen auffordern, sofern sie auch nur einen Funken an Einfühlungsvermögen besitzen.
Maria und Josef haben von diesen Dingen nichts verstanden, sonst hätten sie Jesus nicht so angefahren. Sie hätten eine Ahnung von den Schmerzen haben müssen, die Jesus empfunden haben muss, als er wieder den Tempel verließ und sich seinen irdischen Eltern unterordnete.

In alten Kommentaren wird diese Aussage Jesu übrigens als Hinweis auf ein erstes Erwachen seines Sendungsbewusstseins bzw. seiner Göttlichkeit gedeutet. Dagegen spricht allerdings das Erstaunen über seine Eltern („Wusstet ihr nicht...?“). Sie hätten es wissen können und wissen müssen, was beinhaltet, dass Jesus es ebenfalls schon wusste.

Nicht Jesus machte hier also eine Erfahrung, sondern seine Eltern. Und da der Hinweis auf seine Verbundenheit mit seinem Vater nicht nur für seine Eltern galt, ist es auch eine Lektion, die wir lernen müssen.
Als Christ kann man leicht der Gefahr erliegen, Jesus losgelöst von seinem Vater zu verehren. Man erkennt dies in der Praxis daran, dass die menschliche Seite Jesu stärker betont wird, weniger von Gott gesprochen wird und Jesus als einer von uns angesehen wird, im schlimmsten Fall als bloßes Vorbild, Leidensgenosse o.ä.
Wenn es so weit gekommen ist, haben wir Jesus nicht mehr als Retter. Denn wäre er bloßer Mensch, könnte er keine Sünden vergeben. Und unsere Schuld vor Gott würde sogar größer, wenn wir jemandem folgen, der nicht mit Gottes Willen übereinstimmt sondern vermeintlich eine neue Religion gründet. Mit diesem Jesus kann man nicht der Angst vor Verdammnis begegnen und keine Vergebung Gottes predigen. Solange das Gewissen schweigt und alles gut läuft, fällt so eine Schieflage vielleicht nicht auf.
Aber wenn es zu Verfolgungen und Anfechtungen kommt, fehlt die feste Grundlage unseres Glaubens. Das Christsein wird dann zur Last, der Glaube erkaltet zur frommen Praxis. Vielleicht entsteht dann der Eindruck, Jesus verloren zu haben: der Betreffende sieht ihn nicht mehr in seinem Leben, sein Glaube wankt, seine Geschwister sind unglaubwürdig. Wenn dieser Christ dann verzweifelt ist und nicht mehr weiß, wo er Jesus suchen soll, soll er das lesen: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“
Wenn wir den Vater nicht sehen wollen, verlieren wir auch Jesus. Denn Jesus ist in dem, was seines Vaters ist. Wenn wir also an uns selbst und unserem Glauben und dem anderer Christen verzweifeln und uns fragen „Macht es einen Unterschied, ob Jesus jetzt verschwunden ist oder nicht?“, liegt es nicht daran, dass Jesus verschwunden ist, sondern dass wir ihn an der falschen Stelle gesucht haben.
Denn Jesus handelte im Willen und Auftrag seines Vaters. Jesus ist von seinem Vater gesandt und uns zum Sühnopfer bestimmt, so wie Gott auch dem Volk Israel die eherne Schlange in der Wüste aufstellen ließ. Und wenn um uns herum alles aus den Fugen gerät, haben wir eine feste Hoffnung in Gott, der uns mit sich durch Jesus Christus versöhnt. Nur in diesem Wissen kann unser Glaube zur Ruhe kommen und damit allein können wir getröstet werden. Denn nur wenn wir in Christus den Gesandten Gottes erblicken, erhalten wir den freien Zugang zum Vater. Der Glaube richtet den Blick immer hoch zu Gott, von dem wir alles Gute erwarten. Er ist der Urheber unseres Heils, das er uns in Christus schenkt. Wir werden nicht gerettet, weil Jesus den „Gott des alten Testamentes“ durch einen „Gott der Liebe“ ersetzt hat, sondern weil er uns zu dem einzigen Gott aller Zeiten den Zugang verschafft hat. Wir werden nicht erlöst, weil Gott seine Heiligkeit aufgibt, vor der der Sünder erschaudert, sondern weil er uns in seinem Sohn an ihr Anteil haben lässt.
Wer Jesus von seinem Vater trennen will, sei es, indem er ihn als Religionsstifter erdenkt, als bloßes Vorbild betrachtet oder in ihm lediglich den Freund sieht, für den macht es keinen Unterschied, ob Jesus tot ist oder lebt. Er muss erst lernen was das heißt „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“

V.50 Und sie verstanden das Wort nicht, dass er zu ihnen redete.

Es wird Jesus nicht egal gewesen sein, dass seine Eltern ihn nicht verstehen. Vermutlich blieb er oft allein unter den Menschen.

Was nützen die größten Erlebnisse mit Jesus, wenn nicht der Heilige Geist das entsprechende Verständnis schenkt?

V.51 Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth, und er war ihnen untertan. Und seine Mutter bewahrte alle diese Worte in ihrem Herzen.

Nachdem Jesus seinen Eltern ein eindringliches Zeugnis von seiner himmlischen Herkunft abgelegt hat und die Aufmerksamkeit der Gelehrten sich auf ihn richtete, zog er wieder mit seinen Eltern und war ihnen „untertan“.
So endet eine Initiationsgeschichte? Für Jesus änderte sich nichts. Ich sehe in dem ganzen Text keinen Hinweis darauf, dass Jesus hier eine große Entdeckung macht oder seinen Status grundsätzlich verändert. Jesus wurde also nicht erst zum Sohn Gottes und er musste auch nicht erst seine Berufung finden. Er brauchte auch keine einschneidenden Erlebnisse (wie beispielsweise Buddha) um sich mit geistlichen Dingen zu beschäftigen. Es war bei ihm nicht die Pubertät, in der er auf einmal einen kritischen Geist entwickelte und alles was er fand in Frage stellte. Er wuchs vielmehr so selbstverständlich in dem Gehorsam gegen seinen himmlischen Vater auf, wie wir in unserem Egoismus aufwachsen: ebenso selbstverständlich und ebenso der Entwicklung unterworfen. Und anders als der Pubertierende schüttelte Jesus nicht sein Umfeld von sich, sondern lebte still und demütig in der von ihm so verschiedenen Welt. Er ging nicht aus Gedankenlosigkeit mit seinen Eltern zurück und war ihnen nicht aus Unreife untertan. Er unterordnete sich im vollen Bewusstsein seiner himmlischen Herkunft und seiner göttlichen Abstammung.

Seine Mutter bewahrte die Worte, deren wahren Sinn sie noch nicht verstand, in ihrem Herzen. Das ist ein Zeichen großen Vertrauens, denn sie bewahrt damit auch den Inhalt der Worte, den sie ja noch nicht kannte. Sie scheint für einen Moment in ihre richtige Rolle gefunden zu haben und war nicht nur Mutter sondern auch Gläubige.

V. 52 Und Jesus nahm zu an Weisheit und Alter und Gunst bei Gott und Menschen.

Auch der gottlose Mensch hat noch eine heimliche Ehrfurcht vor dem Heiligen. Auch wenn jemand gegen alle christlichen Tugenden wettert, kann er die Menschen lieben, an denen er diese Tugenden findet.

Der Vers unterstreicht noch mal, dass es hier für Jesus um kein einschneidendes Erlebnis ging: er wuchs und er erstarkte vorher und war erfüllt mit Gottes Geist und seiner Weisheit und genau so geht es nachher weiter. Er erreichte hier nicht ein bestimmtes Plateau, sein Lernen hörte an diesem Tag nicht auf und es fing nicht an.
Aber für uns bedeutet dieses Ereignis, dass wir in ihm den erkennen sollen, der im Willen und Auftrag des lebendigen Gottes kam. Es war Gottes Wille, uns gnädig zu sein. Und in dieser Hoffnung lebten auch alle Gläubigen des Alten Bundes:

„Gott, du bist mein Gott, den ich suche.
Es dürstet meine Seele nach dir, mein ganzer Mensch verlangt nach dir
aus trockenem, dürrem Land, wo kein Wasser ist.
So schaue ich aus nach dir in deinem Heiligtum,
wollte gerne sehen deine Macht und Herrlichkeit.
Denn deine Güte ist besser als Leben;
meine Lippen preisen dich.“
Psalm 63, 2-4