Was wollten und was machten die Herausgeber der „BIBEL IN GERECHTER SPRACHE“?

Von Jochen Weinand

Essay-Übersicht

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1.ZUM AUFBAU DES GUTACHTENS

2.WER STECKT DAHINTER?

3.DIE KONZEPTION DER BIBEL IN GERECHTER SPRACHE

4.DAS ZUGRUNDE LIEGENDE SCHRIFTVERSTÄNDNIS

5.WIE WURDEN DIE ZIELE VERWIRKLICHT?

5.1.GESCHLECHTERGERECHTIGKEIT

5.1.1.Der Gottesname

EXKURS: IST GOTT IN DER BIBEL WEDER MÄNNLICH NOCH WEIBLICH?

5.1.2.Von Jüngerinnen, Schwestern und Apostelinnen

5.1.3.Die Rolle der Frau

5.2.EINE ÜBERSETZUNG OHNE ANTIJUDAISMEN

5.3.„SOZIALE GERECHTIGKEIT“ IN DER ÜBERSETZUNG

6.WORUM GEHT ES DER BIBEL IN GERECHTER SPRACHE?

7.EINE NEUE THEOLOGIE

7.1.KEINE RECHTFERTIGUNG AUS GNADE ALLEIN

EXKURS: WIE AUCH DER CHRISTUS DAS HAUPT DER GEMEINDE IST

7.2.Sünde

7.3.KEINE HOFFNUNG AUF DAS EWIGE LEBEN

7.4.DIE LEIBLICHE „AUFERSTEHUNG"

7.5.GOTT

8.EINE ZUSAMMENSCHAU DER WICHTIGSTEN ZÜGE DER BIGS

9.BEURTEILUNG

9.1.GEMESSEN AN IHREN EIGENEN ZIELEN

9.2.AUS DER SICHT DES KONSUMENTEN

9.3.AUS DER SICHT EINES CHRISTEN

10.WIE GEHT ES WEITER?

1.Zum Aufbau des Gutachtens

Das Memo besteht grob aus drei Teilen: der erste Teil beschäftigt sich mit dem Selbstverständnis der Bibel in gerechter Sprache. Hier geht es um Entstehungsgeschichte und Ziele der Übersetzung. Im zweiten Teil gehe ich auf Aspekte der feministischen Theologie ein, die in der Bibel in gerechter Sprache nicht ausdrücklich oder nur am Rand genannt werden und daher in der öffentlichen Diskussion übersehen wurden. Im dritten Teil versuche ich, eine theologische Ordnung in die Liste theologischer Anliegen zu bringen.
Die Bibel in gerechter Sprache steht ausdrücklich zu ihrem Anliegen, theologische Gedanken in die Übersetzung einfließen zu lassen. Es wäre daher müßig nachzuweisen, dass die BigS an zahllosen Stellen nach den Regeln der Übersetzungskunst hoffnungslos versagt. Es geht also nicht um die Frage, ob sie die Bibel verändert, sondern wie sie dies tut. Bei nahezu allen Übersetzungsbeispielen habe ich jeweils direkt eine kurze Kritik angefügt. Dies war nötig, um deutlich zu machen, wo es eben nicht um Übersetzungsalternativen sondern theologische Entscheidungen ging. Dieser oft feine Übergang ist trotzdem nicht immer leicht zu erkennen.

2.Wer steckt dahinter?

Das direkte Vorbild dieser Übersetzung sind die in den 80er Jahren begonnenen Versuche in Amerika, die Bibel in eine „inclusive Language“ zu übertragen, wobei es damals vor allem um eine geschlechter-neutrale Übersetzung ging.
Seit 1987 werden auch auf deutschen Kirchentagen spezielle „Kirchentagsübersetzungen“ der Motto-Bibelstelle herausgegeben.
1997 erschien der erste von 4 Bänden aus der Reihe „Gottesdienst-Liturgische Texte in gerechter Sprache“ (Hg. Von Erhard Domay und Hanne Köhler). Im Oktober 2001 konnte der 4. und letzte Band im Rahmen einer Tagung vorgestellt werden. Da die bekanntesten Bibel-Texte bis dahin übersetzt waren, erschien es den Herausgebern nur konsequent, nun die gesamte Bibel neu zu übersetzen.

Die Idee nahm in der Evangelischen Akademie Arnoldshain (im Folgenden EAA)Gestalt an. Hier konstituierte sich (am Reformationstag 2001) ein „Herausgabekreis“, dem folgende Personen angehören: Dr. Ulrike Bail, Prof. Dr. Frank Crüsemann, Dr. Marlene Crüsemann, Erhard Domay, Prof. Dr. Jürgen Ebach, Dr. Claudia Janssen, Hanne Köhler, Prof. Dr. Helga Kuhlmann, Prof. Dr. Martin Leutzsch und Prof. Dr. Luise Schottroff. Die Mitglieder des Herausgabekreises sind fast alle Universitätsangehörige.

Die EAA wurde von der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau 1946 „als Antwort auf den Zivilisationsbruch durch den Nationalsozialismus“ gegründet und ist als „Ort des Dialogs und des zivilisierten Streits in der Bundesrepublik Deutschland“1 gedacht . Die EAA scheint ihrem Internetauftritt nach zu urteilen ein ausgeprägtes politisches Interesse zu besitzen. Dort heißt es:
„Die EAA ist eine Plattform des Austauschs, Labor für Politikentwürfe, Katalysator für gesellschaftliche Innovation, und zeigt darin christlich fundiert Parteilichkeit.“
Wie sich zeigen wird, liegt hier ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis der BigS.

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hatte bei der o.g. Akademie eine Projektstelle für fünf Jahre eingerichtet und Frau Hanne Köhler für diese Aufgabe freigestellt.
Die über 400 000 benötigten Euro wurden vollständig über Spendengelder aufgebracht – mit Privatspenden von bis zu 10000 €..

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Steinacker übernahm den Vorsitz des „Beirates zur Förderung, Unterstützung und Begleitung des Projektes Bibel in gerechter Sprache“ (Im Folgenden BigS).

An der Übersetzung selbst waren über 50 ehrenamtliche Übersetzerinnen und Übersetzer aus dem Umkreis der feministischen Theologie und des christlich-jüdischen Dialogs beteiligt, wobei die Frauen mit über 80% deutlich überrepräsentiert waren. Die Herausgeber bedauerten es sehr, dass in dem Kreis der Übersetzer nicht „gleichberechtigt“ jüdische Übersetzerinnen und Übersetzer mitarbeiten konnten und erklären dies etwas nebulös mit den „derzeitigen Bedingungen in Deutschland“. Auf Nachfrage erklärte man mir, dass es in Deutschland zu wenig jüdische Bibelwissenschaftler gebe und die mit anderen Aufgaben beschäftigt seien.2

3.Die Konzeption der Bibel in gerechter Sprache

Der Vorsitzende des Beirates zur Förderung, Unterstützung und Begleitung des Projektes Bibel in gerechter Sprache, Peter Steinacker, nennt vier Ziele der Übersetzung:
1. die Übersetzung soll dem Ursprungstext gerecht werden. „Neben“ diesem Ziel sind drei weitere Ziele „besonders intendiert“:
2. Geschlechtergerechtigkeit,
3. „Gerechtigkeit im Hinblick auf den christlich-jüdischen Dialog, d.h. […] eine Übersetzung, die versucht, auf antijudaistische Interpretationen zu verzichten.“
4. Und schließlich auch die „soziale Gerechtigkeit“, „indem die sozialen Realitäten im Wortlaut der Übersetzung deutlich werden.“

In welchen Fällen man sich für die Fassung des Ursprungstextes entschied und wann für die jeweiligen anderen Ziele, ist also nicht eindeutig geklärt und wurde vermutlich von einer intuitiven Schmerzgrenze der Übersetzer bestimmt und nach Möglichkeit in Absprache mit den anderen Übersetzern entschieden.3
Wenn man sich dafür entschied, die „frauenfeindlichen“ und „gewaltverherrlichenden“ Passagen stehen zu lassen, fügte man Querverweise ein, die zeigen sollen, dass solche Stellen „schon innerbiblisch auf Widerspruch“ stoßen. Zahlreiche Anmerkungen erlauben einen direkten inhaltlichen Zugriff.

Darüber hinaus steht im Anhang ein umfangreiches Glossar bereit, das Erläuterungen zu zentralen biblischen Begriffen enthält, die zusammen einen „biblisch-theologischen Grundkurs“ ergeben sollen.

Meines Wissens wird an keiner Stelle das Ziel genannt, den Text verständlicher zu machen. Die BigS unterscheidet sich darin grundlegend von anderen sehr freien Übersetzungen wie beispielsweise der Volxbibel.

4.Das zugrunde liegende Schriftverständnis

Ohne dass dies noch ausdrücklich gesagt wird, wird sich die EAA selbstverständlich der modernen Bibelkritik verpflichtet wissen. Der Text der Bibel ist nicht Gottes Wort, sondern ein Bericht über menschliche Erfahrungen mit Gott, die einer langen Geschichte unterworfen sind. Im besten Fall. Denn Für Peter Steinacker beziehen die „biblischen Texte“ ihre Kraft „aus der Erfahrung von Gerechtigkeit und Befreiung“ – sind also noch nicht einmal notwendigerweise Erfahrungen mit einem Gott. Und Erfahrungen können fehlerhaft sein, auf mangelnder (z.B. naturwissenschaftlicher) Erkenntnis beruhen und eben auch von der eigenen Ungerechtigkeit geprägt sein.
Damit gewinnen Theologen eine größere Freiheit im Umgang mit dem vorliegenden Stoff und man kann vielleicht sogar sagen, die Verantwortung diese Freiheit zu nutzen. Die Herausgeber vergleichen ihre Arbeit daher mit der eines Theater-Regisseurs: „Während bei einer Neuinszenierung eines klassischen Theaterstückes niemand auf die Idee käme zu fragen, was an der letzten Inszenierung so schlecht gewesen sei, wird anscheinend eine neue Bibelübersetzung als Kritik an den bereits veröffentlichten verstanden.“
4
Davon abgesehen, dass auch eine „gerechte Inszenierung“ in der Theaterwelt als Herabsetzung aller anderen Inszenierungen empfunden würde, zeigt dieser Vergleich doch etwas von dem Selbstverständnis, mit dem die Übersetzer an ihre Arbeit gegangen sind. Aber um das vorweg zu nehmen: ganz so frei, wie in einer Theater-Inszenierung haben sie die Texte dann doch nicht behandelt. Streckenweise sind sie wörtlicher als die Elberfelder Übersetzung. Nach welchem Muster die Eingriffe erfolgen, wird noch zu zeigen sein.

5.Wie wurden die Ziele verwirklicht?

5.1.Geschlechtergerechtigkeit

Unter diesem Ziel verbergen sich eine Fülle von sehr unterschiedlichen Entscheidungen, die alle unterschiedlich zu bewerten sind und daher auch einzeln diskutiert werden sollen.

5.1.1.Der Gottesname

Was als Erstes auffällt, ist die Veränderung des Gottesnamens. Da das Tetragramm (JHWH) nicht übersetzbar und nicht aussprechbar sei5 haben sie es durch ein graues Feld mit zufällig wechselnden Bezeichnungen ersetzt: „Du“, „Der Lebendige“, „Die Lebendige“, „Der Eine“, „Die Eine“, „Gott“, „Ich-bin-da“, „ha-schem“, „Die Heilige“, „ha-Makom“ oder einfach „Der Name“.

Nun waren die Übersetzer der BigS natürlich nicht die ersten, die vor der Frage standen, wie man das Tetragramm übersetzen soll: die Juden selbst sprachen den Gottesnamen nicht aus sondern lasen vermutlich entweder „ha-schem“ („der Name“. Die Vokale a und e wurden unter das Tetragramm geschrieben und sind neben verschiedenen anderen Indizien ein Hinweis darauf, dass an dieser Stelle „Jahwe“ gelesen wurde) oder „ha-makom“ („der Ort“) oder Adonaj, was vom hebräischen Wort „adon“ abgeleitet ist und „Herr“ bedeutet. Der Name „Adonaj“ bedeutet „mein Herr“ und ist allein Gott als Anrede vorbehalten. Die früheste Übersetzung, die Septuaginta übersetzte das Tetragramm mit „kyrios“ („Herr“) und an diese Tradition knüpft auch das NT an, in dem Gott fast durchgängig als „kyrios“ bezeichnet wird. Dies war bisher immer Anlass genug, den Gottesnamen mit Herr oder HERR zu übersetzen. In der BigS führte es dazu, dass selbst dort, wo man eigentlich keine Übersetzungsschwierigkeiten hat, nämlich im NT mit dem Wort „kyrios“, das graue Feld mit den rotierenden Namensvorschlägen erscheint. Dies ist eine eindeutige Änderung des Urtextes und ist nicht mit der vermeintlichen Nicht-Übersetzbarkeit des Tetragrammes zu erklären.

Nun besteht der Hauptvorwurf an der üblichen Übersetzungspraxis „HERR“ eigentlich darin, dass diese Übersetzung nicht „geschlechtergerecht“ sei. Das eigentliche Ziel bestand also darin, Gott gleichberechtigt als Mann und Frau darstellen zu können, und diese Möglichkeit wird durch keine Übersetzungstradition, weder eine wissenschaftliche noch eine jüdische gedeckt, sondern durch allgemeine theologische Überlegungen.

Exkurs: Ist Gott in der Bibel weder männlich noch weiblich?

In der Einleitung der BigS geben die Herausgeber zu, dass in der Bibel Gott meistens in grammatisch männlichen Formen angeredet wird und meistens in männlichen Bildern beschrieben wird.
Die folgenden Stellen hielten aber „mit Entschiedenheit fest“, dass Gott weder männlich noch weiblich sei:
„So hütet eure Seelen sehr - denn ihr habt keinerlei Gestalt gesehen an dem Tag, als der HERR am Horeb mitten aus dem Feuer zu euch redete -, dass ihr nicht zu (eurem) Verderben handelt und euch ein Götterbild macht in Gestalt irgendeines Götzenbildes, das Abbild eines männlichen oder eines weiblichen (Wesens), das Abbild irgendeines Tieres, das es auf der Erde gibt, das Abbild irgendeines geflügelten Vogels, der am Himmel fliegt, das Abbild von irgendetwas , das auf dem Erdboden kriecht, das Abbild irgendeines Fisches, der im Wasser unter der Erde ist…“Dtn 4, 15-18

Diese Stelle hält lediglich mit Entschiedenheit fest, dass wir Gott keine Gestalt andichten sollen. Selbstverständlich auch keine Gestalt eines menschlichen Mannes. Nur war das in der Theologie immer schon verpönt.

„Nicht ein Mensch/Mann („isch“) ist Gott, dass er lüge, noch der Sohn eines Menschen (ben-adam), dass er bereue.“ Num 23,19

Das Wort „isch“ kann „Mann“ aber eben auch “Mensch“ bedeuten. Würde es hier mit „Mann“ (als Gegensatz zur Frau) zu übersetzen sein, wäre die Bedeutung des Verses: „Männer lügen. Aber zum Glück ist Gott kein Mann.“
Selbstverständlich geht es hier um den Gegensatz Mensch-Gott.
Der zweite Teil des Verses ist eher wieder ein Beispiel dafür, dass Gott sich als männlich, nämlich „nicht als eines Menschen Sohn (ben),“ darstellt – wenn auch nicht als menschlicher Mann. Dies müssen die Herausgeber der BigS ähnlich empfunden haben, denn sie übersetzen:
„Gott ist kein Mann, der lügen würde, kein Mensch, dass sie ihren Gefühlen ausgeliefert wäre.“

„Denn Gott bin ich und nicht ein Mensch (isch)“Hos 11,9 vgl. die Anmerkungen zu Num 23,19

„Und wenn in Gen. 1,27 der Mensch als Bild Gottes auf der Erde männlich und weiblich ist, kann Gott nicht männlich sein.“
Dort heißt es nämlich: „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.“

Und deshalb gehört es zum Bestandteil jeder guten Dogmatik, alle Menschen, also Mann und Frau, als Bild Gottes zu betrachten. Es gilt aber ebenso verwegen, aus dem Bild Gottes ein Bild Gottes rekonstruieren zu wollen, also Gott wieder nach seinem Bild, dem Menschen, menschliche Attribute zuschreiben zu wollen. Diese Stelle kann nur herangezogen werden, um etwas über den Menschen auszusagen. Es ist nicht möglich daraus männliche und weibliche Eigenschaften Gottes zu entwickeln. Und selbst dieses unlautere Verfahren greift nur, wenn im zweiten Schöpfungsbericht Gott zunächst ein androgynes Wesen erschafft (s.u.)
Und dass in der Theologie so viel in maskulinen Begriffen von Gott gesprochen wird, ist gerade keine Rekonstruktion Gottes als Mann, sondern entspricht eben der biblischen Redeweise von Gott:
- grammatisch wird er immer mit der männlichen Form bedacht, sei es als „adonaj“ oder in den Bildern eines „Königs“o.ä.
- Jesus selbst spricht von seinem und unserem „Vater“ im Himmel.
- Wenn weibliche oder mütterliche Aspekte Gott zugeschrieben werden, dann ausdrücklich als Metapher (Jes. 66,13). Ebenso kann auch Paulus von sich sagen, dass er sich „wie eine Mutter“ um seine Gemeinde gekümmert hat (1.Thess.2,7)

Gerade weil wir uns Gott nicht erdenken und fantasieren sollen, ist es wichtig, sich der Redeweise seiner Offenbarung anzupassen und nicht umgekehrt die Offenbarung umzuschreiben, um das Gottesbild den eigenen Fantasien anzupassen.
Das heißt: Gott ist kein Mann, aber wir können von ihm nur als von einem „Er“ sprechen, ihn unseren „Vater im Himmel“ nennen und es durchgängig bei einer männlichen grammatischen Anrede belassen.

5.1.2.Von Jüngerinnen, Schwestern und Apostelinnen

In diesem Abschnitt werde ich auf die verschiedenen Versuche eingehen, Frauen in der Bibel „sichtbar“ zu machen – eine Formulierung, die freilich voraussetzt, dass es sich um eine bloße Frage der Wahrnehmung handelt. Die Entscheidungen, die in der BigS zu diesem Zweck getroffen wurden, sind sehr unterschiedlich und sollen auch getrennt beurteilt werden:

Es ist in öffentlichen Schreiben heute nicht mehr politisch korrekt, eine Gruppe von Männern und Frauen unter dem männlichen Plural zusammen zu fassen. Dies geschieht in der Bibel (im Grundtext) natürlich ständig und wirkt für viele anstößig. Wenn man von einer Sprache in die andere übersetzt, lernt man, wie so ein Plural in der jeweiligen Sprache zu bilden ist und kann dann beispielsweise aus den „Bürgern“ in der einen Sprache „Bürgerinnen und Bürger“ in der anderen Sprache machen. Es ist zunächst einfach eine Frage der Konvention.
Die Schwierigkeit besteht nur darin, dass man
1. festlegen muss, ob tatsächlich beide Geschlechter gemeint sind und
2. ob man in historischen Texten ein unverfälschtes Bild der Gesellschaft vermittelt.

Zu 1: Wenn es z.B. in Lk 6,1 heißt: „Und es geschah am Sabbat, dass er durch die Saaten ging und seine Jünger die Ähren abpflückten und aßen“ (Elbi), dann ist nicht klar, ob es sich nur um die Zwölf Jünger handelt, die ja nun namentlich als Männer aufgeführt sind 6, oder um eine Gruppe von Anhängern, denen möglicherweise auch Frauen angehörten. Wenn die BigS übersetzt: „Einmal aber, als er an einem Sabbat durch die Saatfelder streifte, da rissen seine Jünger und Jüngerinnen Ähren ab,“ ist klar, dass es nicht nur die Zwölf gewesen sein können.

Zu 2: Und spätestens wenn dann im nächsten Vers einige „Pharisäerinnen und Pharisäer“ sich daran stoßen, beginnt man an diesen Entscheidungen zu zweifeln, denn meines Wissens dürfen bei den Juden bis heute keine Frauen Rabbinerinnen werden und meines Wissens gab es auch keine Pharisäerinnen. Hier geht es nicht mehr um eine sprachliche Konvention, sondern um die Frage nach der sachlichen Richtigkeit. Und eine Übersetzung, die suggeriert, dass der Kreis jüdischer Schriftgelehrter sich aus Männern und Frauen zusammengesetzt hat, wird der antiken orientalischen Welt wohl kaum gerecht 7.

Ein relativ harmloser Punkt ist die Anrede mit „Geschwister“ statt „Brüder“ in den Briefen. Es lässt sich leicht und sogar namentlich beweisen, dass Frauen zu den Adressaten der Briefe gehörten. Außerdem ist unser deutsches Wort „Geschwister“ ursprünglich eine Anrede der Schwestern und wir empfänden es dennoch als Fehler, im Englischen mit „Dear Sisters“ zu übersetzen 8.
Aber wie sich zeigen wird, ist die geschlechtsneutrale Übersetzung von „adelphoi“ bei näherer Betrachtung nicht unproblematisch:
Die größte Schwierigkeit besteht an dieser Stelle darin, dass alle Argumente für eine Änderung Argumente gegen die Änderung sind. Zu rechtfertigen ist die an sich falsche Übersetzung mit „Geschwister“ nur, wenn es sich dabei um eine bloße Konvention handelt aber bedeutungsgleich mit unseren Anreden sei. Nur ist das doch genau das Gegenteil von allem, was Feministinnen immer beteuert haben, weil gerade in diesen Konventionen der tiefverwurzelte Patriarchalismus zum Ausdruck komme – und eben aus diesem Grund soll doch die Anrede geändert werden. Also wenn es bloße Konvention ist, gibt es kein Problem, weil bisher jedem klar war, dass die Brief im NT auch für Frauen gelten und man muss sich nur an die Konventionen der damaligen Zeit gewöhnen. In diesem Fall spricht nichts für eine Änderung. Drückt sich in den Anreden aber eine patriarchale Ordnung aus, geht es nicht mehr nur um bloße Konventionen sondern um eine Bedeutungsverschiebung. Die Übersetzung wäre also nicht zulässig, ob man die Anrede nun billigt oder nicht. Wie sich zeigen wird, ist die Einschätzung der Feministinnen an diesem Punkt korrekt: Es ist eben ein inhaltlicher Unterschied und das Abbild einer völlig anderen Kultur, ob man eine Menschenmenge mit „Brüder“ oder „Damen und Herren“ oder sonst wie anspricht.
Durch die herkömmliche Doppeldeutigkeit des männlichen Plurals im Deutschen drückt man zwar klar eine patriarchale Gesellschaftsordnung aus, kommt damit den Anreden in der Bibel und der damaligen patriarchalen Kultur aber erheblich näher. Man kann die Sprache eben nicht von der Kultur trennen, und je weiter sich unsere Kultur von der biblischen entfernt, desto schwieriger wird die Übersetzung. Wenn der männliche Plural als unerträglich empfunden wird, kommen kaum lösbare Entscheidungen auf die Übersetzer zu. Denn es geht nicht nur um die oft nicht beantwortbare Frage, ob Frauen mitgemeint waren, sondern auch, welche Position sie hatten. Es ist nämlich ein Unterschied, ob man eine Gruppe anredet, in der die Frauen mitgemeint sind, aber vor allem die Männer angesprochen werden, oder ob Männer und Frauen wirklich gleichberechtigt nebeneinander angesprochen werden. Deutlich wird dieses Problem beispielsweise bei 1.Thess. 5,26:
„Grüßt alle Brüder mit heiligem Kuss“
Der Brief gilt selbstverständlich auch den Frauen. Trotzdem kann dieser Vers so formuliert werden, ohne dass es irgendwie unanständig klingt. Bis heute ist es im Orient üblich, dass sich Männer mit einem Kuss begrüßen, aber m.W. höchst unüblich, dies als Mann bei Frauen zu tun. Wenn die BigS nun übersetzt „Grüßt alle Geschwister mit dem heiligen Kuss“, dann verlangt sie von der Gemeinde etwas ausgesprochen Unanständiges, das so sicher niemals hätte gesagt und eingefordert werden können.
Dieses Beispiel mag wie ein Gag aussehen, zeigt aber, dass der Begriff „adelphoi“ damals nicht so verstanden worden sein kann wie unser Begriff „Geschwister“9. Es ist eben nicht das Gleiche, ob eine Anrede Personen mitmeint oder anspricht. 10
Nun entspricht allerdings auch das Wort „adelphoi“ vermutlich nicht korrekt unserem Wort „Brüder“. Wie soll man also übersetzen? Im Zweifelsfall behandelt man den Autor so, wie man selbst behandelt werden möchte: wenn ich eine Gemeinde mit „Geschwister“ anrede, fände ich es grob unhöflich, wenn jemand in einer anderen Kultur diese, also meine, Anrede mit „Brüder“ übersetzt und so stillschweigend meinen Text in einer fremden Kultur vereinnahmt. Wenn ich bei den Autoren nicht absolut sicher bin, dass das Wort „adelphoi“ in der Anrede die gleichen Konnotationen hat wie bei uns das Wort „Geschwister“, muss ich es daher mit „Brüder“ übersetzen und in einer Fußnote anmerken, dass bei dieser Anrede die Frauen mitgemeint waren – und mehr scheint es tatsächlich nicht gewesen zu sein. Umgekehrt würde dies vermutlich auch jede Feministin erwarten, deren Texte in einer patriarchalen Kultur übersetzt werden und sie empfände es zu Recht als unzulässige Vereinnahmung, wenn durch analoge Argumente ihre Anreden der patriarchalen Kultur angepasst würden. Der Übersetzer muss sich also fragen: „Wie hätte der Autor es damals auf Deutsch geschrieben?“ Und es steht ihm nicht an zu fragen, wie wir es heute geschrieben hätten. Dann nämlich wäre aus der Übersetzung ein Kommentar geworden11.
Hinzu kommen ernstzunehmende Hinweise darauf, dass die ntl. Autoren keineswegs die gesellschaftliche Konvention, nach der die Frau unter dem Mann steht, brechen wollten. In diesem Fall wäre eine kommentarlose „Übersetzung“ der Anrede mit „Geschwister“ eine gravierende Urheberrechtsverletzung. Und da hier kein wirkliches Recht verletzt wird, bleibt es immerhin lieblos gegenüber den Autoren und unehrlich gegenüber dem Leser.

Das Bemühen, Frauen in der Bibelübersetzung sichtbar zu machen, führt aber zu wesentlich weitreichenderen Eingriffen:

In Mt 19 wendet Jesus sich gegen die Praxis seiner Zeit, eine ganze Latte von Scheidungs-Gründen zu akzeptieren und setzt dagegen: „Ich sage euch aber, dass, wer immer seine Frau entlässt, außer wegen Hurerei, und eine andere heiratet, Ehebruch begeht“ (Mt.19,9) Nun war es auch möglich, dass Frauen bei höheren Rechtsinstanzen darum baten, dass ihr Mann gezwungen wurde, sie zu entlassen. In diesem Fall gelten natürlich die gleichen Bedingungen. Nun hat die Übersetzerin in BigS sich dafür entschieden, den Fall aus Sicht der Frauen darzustellen: „Ich sage euch: Wer seine Frau gehen lässt, außer wegen unverantwortlicher sexueller Beziehungen 12, und eine andere heiratet, der bricht die Ehe.“
Konsequenterweise hätte der Fall vollständig aus Sicht der Frau und als Ermahnung an die Frau formuliert werden müssen. Mit der gewählten Übersetzungs-Lösung macht sich allerdings der Mann schuldig, wenn er seine Frau gehen lässt. Die Anmerkung hat mich noch mehr verwirrt: „Mt 19,9 will den Mann verpflichten, gemäß dem Mosegebot der Frau den Scheidebrief zu geben.“ Dann verstehe ich es so, dass die Frau, wenn sie gehen möchte, das Recht hat, vom Mann den Scheidebrief zu erhalten, aber dieser sich schuldig macht, wenn er den Scheidebrief ausstellt, sofern er keinen Ehebruch begangen hat.13

Ähnlich irritierend muss es für Frauen sein, die die Bibel ernst nehmen und dort von „Apostelinnen“ und „Lehrerinnen“ lesen, aber auch von dem Lehrverbot für Frauen, dass auch in der BigS nicht eliminiert wurde. Hier werden theologische Entscheidungen gefällt, ohne dass dem Leser auch nur durch eine Fußnote die Chance gegeben wird, den Eingriff in den Urtext als solchen zu erkennen.

Wirklich bizarr wird es, wenn die BigS Jesus nicht mehr als „Sohn“ sondern als „Kind“ oder „der Erwählte“ bezeichnet und die Anrede „Herr“ auch für Jesus streicht, indem sie diese durch Halbsätze umschreibt:
Lk 24,34
Elbi: „Der Herr ist wirklich auferweckt worden...“
BigS: „Der, dem wir gehören, der ist wirklich auferweckt worden...“

Joh 6,40
Elbi: „Denn dies ist der Wille meines Vaters, dass jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewiges Leben habe“
BigS: „Denn dies ist der Wille Gottes, mir Mutter und Vater, dass alle, die den Erwählten sehen und ihm glauben, ewiges Leben haben – und ich werde sie auferwecken am letzten Tag.“

Joh 20,28
Elbi: „Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott!“
BigS: „Thomas antwortete und sagte zu ihm: Ich verehre dich und will dir gehorchen, du bist der Lebendige, mein Gott!“

In Jes 53 wird der Text einfach auf eine Frau umgeschrieben und auf so der messianische Bezug verhindert:
Jes 53,5
Elbi: „Doch er (eindeutig ein männliches Personalpronomen der 3. Person Sing) war durchbohrt um unserer Vergehen willen, zerschlagen um unserer Sünde willen“
BigS: „Doch sie war durchbohrt um unserer Verbrechen willen, zerschlagen wegen unseres Versagens.“

Diese und zahllose ähnliche Beispiele kann man weder mit einem Übersetzungsproblem erklären, noch mit dem Wunsch, Frauen stärker anzusprechen.

5.1.3.Die Rolle der Frau

Die Hauptargumente für patriarchale Autoritätsstrukturen in Gemeinde, Familie und Gesellschaft sind nicht die Anreden, sondern Bibelstellen, in denen dies ausdrücklich gefordert wird. Was nützt einer modernen Frau die Anrede an die „Lehrerinnen“, wenn Paulus der Frau das Lehren verbietet? Wie geht die BigS damit um?

1 Kor 11,1-10 übersetzt sie ohne größere Eingriffe. In einer Anmerkung nach V.10 informiert sie den Leser allerdings darüber, weshalb sie hier der „traditionellen“ Übersetzung gefolgt ist: „Die traditionelle und hier vertretene Übersetzung ist sprachlich näher liegend.“ Im Gegensatz zu einer zeitgemäßeren Übersetzung, die allerdings auch nicht „verhindern“ könne, dass Paulus in diesem Text „eine eindeutige theologische Hierarchie konstruiert“14.
Es liest sich wie eine Entschuldigung und ein Bekenntnis, Paulus Ansichten nicht zu teilen.

In einer zweiten Stelle geht sie ähnlich vor:
1 Tim 2,12-15
„Zu lehren aber – das hieße ja, über den Mann zu herrschen – erlaube ich einer Frau nicht, sondern sie soll sich still fügen. Denn Adam wurde zuerst erschaffen, dnach Eva. Und Adam wurde nicht verführt, die Frau aber erlag der Verführung und ist so in die Gebotsübertretung geraten.“
Eine Anmerkung unterstreicht einerseits die Anweisung im 1. Tim an die Frauen, ihre untergeordnete Stellung nicht zu verlassen. Andererseits wird der ganze Text durch eine zweite Anmerkung in ein absurdes Licht gerückt. Zur Verführung Evas erfährt der Leser hier: „Im Hintergrund steht die Vorstellung einer sexuellen Verführung der ersten Frau durch die – als männlich vorgestellte – Schlange.“15
Der Text ist damit nicht mehr ernst zu nehmen, sofern man dem Hinweis glaubt, für den die BigS wie immer keinen Beleg liefert.

Die dritte Stelle ist eben die, auf welche Paulus sich bezieht, nämlich Gen 2. Hier befördert die BigS die Vorstellung eines zunächst androgynen „Menschenwesens“, das Gott nachträglich in männlich und weiblich gespalten hätte: „In Gen 1,27 und 5,2 umfasst „Adam“ d.h. Mensch, beide Geschlechter. In Gen 2 wird aus dem ersten, offenbar androgynen Menschen (Adam) durch Entnahme einer „Seite“ (das Wort heißt sonst nie „Rippe“) das Gegenüber von Mann und Frau. Dennoch spricht der Text weiter vom „Menschen“ bzw. vom „Menschen und seiner Frau“. Dieses extreme Beispiel inklusiver Sprache kann nicht durch eine Wiedergabe von Adam mit „Mann“ oder die Umwandlung von „Adam“ in einen Eigennamen entschärft werden, denn was zu diesem „Menschen“ z.B. über Tod und Arbeit in Gen 3,17-19 gesagt wird, gilt eben auch für die Frau, bei der nur noch Weiteres hinzukommt (Gen 3,16). Verschiedene Varianten wie „Mensch als Adam“, „männlicher Mensch“, oder „Mann-Mensch“ sollen diesem Sprachgebrauch gerecht werden.“16

Die geschilderten Übersetzungsprobleme existieren tatsächlich: „adam“ ist Gattungs- und Eigenname und – wenn man nicht das „extreme Beispiel inklusiver Sprache“ erkennt – eine Bezeichnung für den Mann.
Die meisten Übersetzungen übersetzen je nach Zusammenhang mit „Adam“ oder mit „Mensch“.
Wie löst die BigS das Problem? Gar nicht. Sie nutzt die Verlegenheit der Übersetzer, um eine ganz eigene Sicht der Dinge in den Text zu legen und wird ihm damit am allerwenigsten gerecht:
Bis zur Erschaffung Evas übersetzt sie „adam“ mit „Menschenwesen“ (androgyn vorgestellt), danach mit „Adam“ oder mit „Adam, dem Rest des Menschenwesens“.

Gen 2,22f
BigS: „Dann formte Adonaj, also Gott, die Seite, die sie dem Menschenwesen entnommen hatte, zu einer Frau um und brachte sie zu Adam, dem Rest des Menschenwesens.
Da sagte der Mensch als Mann: „Dieses Mal ist es Knochen von meinen Knochen, und Fleisch von meinem Fleisch! Die soll Ischscha, Frau genannt werden, denn vom Isch, vom Mann, wurde die genommen!“

Elbi: „und Gott, der HERR, baute die Rippe, die er von dem Menschen (adam) genommen hatte, zu einer Frau, und er brachte sie zum Menschen. Da sagte der Mensch (adam): Diese endlich ist Gebein von meinem Gebein und Fleisch von meinem Fleisch; diese soll Männin heißen, denn vom Mann ist sie genommen.“

Wenn man sich V.21 ansieht, merkt man, dass die „Seite“ auch keine befriedigende Erklärung dafür ist, woraus Gott denn nun die Frau erschaffen hat („Und er nahm eine von seinen Seiten und verschloss ihre Stelle mit Fleisch.“?). Aber darum geht es hier nicht. Der Vers zeigt, wie die Übersetzer der BigS bei dem Versuch ins Schleudern kamen, Gen 2 geschlechtergerecht zu formulieren: Innerhalb eines Satzes wird aus dem androgynen „Menschenwesen“ (adam) „Adam, der Rest der Menschheit“ (adam). Und dann sagt auch noch der Mann (isch), dass diese nun endlich Fleisch von seinem Fleisch ist – im Gegensatz zu den Tieren, die er offenbar schon vorher kennen gelernt hat. Und schließlich gibt der Mann der Frau den Namen und benennt sie zu allem Übel auch noch nach sich selbst, weil die Frau vom Mann genommen ist. Der Versuch, hier geschlechtergerecht zu sein, missrät jämmerlich.17

Abschließend sei noch bemerkt, dass der bibeltreue Feminismus sich fragen lassen muss, weshalb Theologen diese Texte verändern, wenn sie angeblich nichts über die Unterordnung der Frau sagen.

5.2.Eine Übersetzung ohne Antijudaismen

Um diesen Punkt wurde in der Öffentlichkeit deutlich weniger Aufhebens gemacht als um den Feminismus.
Es gab keine offiziellen Stellungnahmen zur BigS, wohl aber viele Einzelmeinungen von Juden, die wohl sehr gemischt ausfielen. Auf der Seite www.juden.de habe ich mal versucht, selbst ein Stimmungsbild zur BigS einzufangen, stieß aber auf kein nennenswertes Interesse. Nur einer hat etwas über den Versuch gespottet:
„...Es sei denn, der Sinn der Übung ist, der langen Reihe von Ehrfurchtsbeweisen für "Das Volk Judäas" eine weitere Verbeugung hinzuzufügen. Dann wäre es allerdings effizienter, eine Rabbinerkonferenz einzuberufen und diese zu beauftragen, die Bibel von unerwünschten Inhalten zu säubern...“

Im Wesentlichen deckt sich dieser Kommentar mit meinem Eindruck. Hierzu ein paar Übersetzungsbeispiele:

Mt. 5,21
Luther: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist...Ich aber sage euch:“

Interlinear: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist den Alten...Ich aber (de) sage euch“

Hoffnung für Alle: „Ihr habt gehört, dass es im Gesetz des Mose heißt...Doch ich sage euch“

BigS: „Ihr habt gehört, dass Gott zu früheren Generationen sprach:... Ich lege euch das heute so aus:....“

Die BigS möchte nach eigener Aussage durch diese Wiedergabe verdeutlichen, dass es sich um eine „von den Rabbinen oft verwendete Formel“ handele. Das ist vermutlich nicht korrekt: die Rede von „den Alten“ als den früheren Überlieferungen oder früheren Generationen ist zwar tatsächlich üblich, allerdings finde ich keine Beispiele für die Formulierung „ich aber sage euch“18 . Und selbst wenn es eine übliche Einleitung der eigenen Auslegung ist, ist das kein Grund anzunehmen, dass die vorgestellten Auslegungen auf zeitgenössische Weise selbstrelativierend vorgebracht wurden. Es ist sicher falsch zu behaupten, Jesus habe sich in den Antithesen gegen einen ganzen Kulturkreis gewandt, aber so habe ich die Thesen auch nie verstanden. Auch in der Lutherübersetzung wendet er sich doch – wie ich finde offensichtlich – gegen eine Übersetzungstradition; nicht mehr und nicht weniger.19

Mt 23,23
BigS: „Wehe euch, ihr Scheinheiligen unter den toragelehrten und pharisäischen Männern und Frauen!“
Luther: „Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr...“
Elberfelder: „Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler!“
Interlinear: „Wehe euch Schriftgelehrte und Pharisäer Heuchler weil ihr verzehntet...“

Man kann natürlich zu dem Schluss kommen, dass Jesus streng genommen nur die meinte, die auch tatsächlich Heuchler waren. Der Weheruf ergeht aber dem Wortlaut nach eindeutig an die Adresse aller Schriftgelehrten und Pharisäer.

Mt 27,25
BigS: „Das ganze Volk sagte daraufhin: „Sein Blut komme auf uns und die Generation unserer Kinder.“
Hoffnung für alle: „Die Menge schrie zurück: „Ja, wir und unsere Kinder, wir tragen die Folgen!“
Luther: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!“
Interlinear: „Und antwortend das ganze Volk sagte: „ Sein Blut (komme) über uns und über unsere Kinder!“

Die Einschränkung der BigS ist zwar politisch verständlich, lässt sich aber meines Wissens durch nichts begründen. Im Gegenteil: ihren besonderen Zuschnitt als Familie über nur zwei Generationen ist eine junge europäische Erfindung der Oberschicht. Das ganze alte Testament denkt in Familien-Dynastien.

Joh.19,31b
BigS: „Deshalb baten die Vertreter der jüdischen Obrigkeit (Hervorhebung von mir) Pilatus, dass ihnen (den Gefangenen, Anmk.) die Beine gebrochen und sie abgenommen werden sollten“
Im Grundtext sind es einfach „die Juden“, die dies verlangten.

In Kontexten, in denen die Synagoge in einem schlechten Licht erscheint, wird sie in der BigS einfach mit „Versammlung“ übersetzt – an den übrigen Stellen mit „Synagoge“ (z.B. wird die „Synagoge Satans“ zur „Versammlung des Satans“).

In der Regel wird der Begriff „die Juden“ ersetzt durch „das Volk der Juden“ oder „einige der Juden“.
Besonders bizarr wirkt der Versuch, das Alte Testament von „Antijudaismen zu befreien“!
„Selbst die Propheten müssen davor (vor dem Antijudaismus-Vorwurf, Anm. von mir) in Schutz genommen werden. Weil die Rede vom Ende Israels tabu ist, darf Amos nicht mehr sagen „Reif zum Ende ist mein Volk Israel“ (Amos 8,2), sondern nur noch „Reif ist mein Volk Israel“. Doch der hebräische Text spricht nicht von „reif“, sondern vom Ende, und zwar im Rahmen eines Klang-Wortspiels zwischen Ende (qez) und Sommer (qajiz), das die Lutherbibel und Einheitsübersetzung mit der Sprachanalogie zwischen „reifem Sommerobst“ und reif zum Ende“ nachzubilden suchen. Schon die Rede vom Ende Israels aber scheint den Neuübersetzern verdächtig, und so wird der Text gegen seine ausdrückliche Aussage entschärft.“20

Eine grundsätzliche Abwertung des Judentums liegt schon in den Begriffen „Altes Testament“ und „Neues Testament,“ weil dadurch schon das Ende des alten und die Überlegenheit des neuen Testamentes ausgedrückt wird. Die BigS versucht daher nicht nur die Bezeichnungen für die beiden Testamente zu variieren (z.B. „hebräische Bibel“ oder „erstes Testament“), sondern vor allem den Eindruck in den ntl Texten zu entkräften, dass der alte Bund minderwertig gegenüber dem neuen sei. Die ausführlichste Behandlung der beiden Testamente steht im Hebräerbrief, dem die folgenden Beispiele entnommen sind:

Hebr 8,13
Interlinear: „Indem sagen (er sagt): „einen neuen!“ hat er für veraltet erklärt (von „palaios“ „veraltet, lange bestehend“) den ersten; aber das alt Werdende und greisenhaft Werdende (ist) nahe (dem) Verschwinden („aphanismos“ Verschwinden, Unsichtbarwerden 21).“

Luther: „Indem er sagt: „einen neuen Bund“, erklärt er den ersten für veraltet. Was aber veraltet und überlebt ist, das ist seinem Ende nahe.“

HfA: „Gott selbst hat hier von einem neuen Bund gesprochen. Das bedeutet, dass der erste Bund nicht mehr gilt. Was aber alt und überholt ist, wird bald nicht mehr bestehen.“

BigS: „Gott spricht von einem neuen Bund und erklärt damit den ersten Bund zu einem älteren (eigentlich kein Komparativ). Was aber schon lange besteht und gealtert ist, droht (eingefügte Wertung) unsichtbar zu werden.“

Von den angemerkten Textänderungen wird die Übersetzung selbst dort, wo sie sprachlich denkbar ist, dem Inhalt nicht gerecht: Wieso sollte jemand etwas für „älter“ erklären? Entweder ist es älter oder nicht. Und das Altern ist kein Prozess des Unsichtbarwerdens, sondern des Sterbens.

Wo von dem neuen als einem besseren Bund die Rede ist, übersetzt die BigS immer mit „noch besser“. Zumindest an den Stellen, die den alten Bund ausdrücklich abwerten, unterbindet die BigS alles, was sie als Herabwürdigung der jüdischen Religion und Kultur empfindet.

Diese Bemühungen sind vor allem vor dem Hintergrund bemerkenswert, als durch die feministische „Übersetzung“ der Bibel eine umfassende und tief greifende Kritik eben der Kultur geübt wird, die zu schützen die BigS eigentlich vorgibt.

5.3.„Soziale Gerechtigkeit“ in der Übersetzung

Die BigS versucht, „soziale Auseinandersetzungen, aus denen die Bibel erwachsen ist“ (!) deutlich zu machen und so „verstellende“ Übersetzungen zu korrigieren. Das Wort „rascha“, wird üblicherweise mit „Gottloser“ übersetzt. Die BigS versucht den Eindruck zu vermeiden, dass es sich hierbei um Atheisten handelt und übersetzt mit „Gewalttäter“.

Beispiel Ps 10,3f
Luther: „Denn der Gottlose rühmt sich seines Mutwillens, und der Habgierige sagt dem HERRN ab und lästert ihn.
Der Gottlose meint in seinem Stolz, Gott frage nicht danach. „Es ist kein Gott“ sind alle seine Gedanken.“

BigS: „Ja, die Gewalttätigen prahlen mit grenzenloser Gier.
Die Habgierigen segnen ha-Makom mit Verachtung.
Die Gewalttätigen sagen: Weit weg ist Gottes Wutschnauben. Gott forscht nicht nach. Es gibt keinen Gott. – so ist ihr ganzes Denken.“

Hoffnung für alle: „ Diese Gauner sind auch noch stolz auf ihre habgierigen Wünsche. Geld geht ihnen über alles, und für Gott haben sie nichts übrig. Mit wüsten Sprüchen ziehen sie über ihn her. Hochnäsig behaupten sie: «Gott? Den gibt es doch gar nicht! Was soll er uns denn heimzahlen?» - Was für ein Trugschluß!“

Die Elbi kommt dem Original am nächsten: „Denn der Gottlose (rascha) rühmt (sich) wegen des Begehrens seiner Seele (oder „Eigenwille, Lust, Gier etc“); und der Habsüchtige (unsicher: „ein unrechtmäßigen Gewinn Machender“) lästert, er verachtet den HERRN („segnet den HERRN unter Verhöhnungen“).
Der Gottlose (rascha) (denkt) hochnäsig: „Er wird nicht nachforschen (das Wort wird nur in Zusammenhang mit Gott verwendet).“ „Es ist kein Gott (Elohim)!“ sind alle seine Gedanken.“

Die Hfa erlaubt sich hier mit Abstand die meiste Phantasie: aus dem rascha, einer der schlimmsten Bezeichnungen in der Bibel macht sie etwas verniedlichend „Gauner“. Es ist auch nicht mehr möglich zwei Gruppen zu unterscheiden, nämlich den rascha und den, der unrechtmäßigen Gewinn macht. Und am Ende ergänzt sie den Text um die Bemerkung „Was für ein Trugschluss!“
Im Vergleich dazu ist die BigS erheblich textnäher. Sie ist auch die Einzige, die versucht haben, das „Segnen mit Verachtung“ als Ironie in der Übersetzung zu zeigen (die Elbi vermerkt es in einer Fußnote). Aber sie gibt dem Text durch ihre Abweichung eine andere Deutung: indem sie aus dem rascha „Gewalttäter“ macht denkt man nicht mehr an die Neigung eines Mensch, sondern an das Verhalten einer Gruppe 22. Außerdem wird das Wort „rascha“ stärker eingegrenzt, als dies m.E. möglich ist, denn es bezeichnet natürlich Menschen, die durch ihr böses Verhalten auffallen, aber erstens ist es nicht immer Gewalttat (sondern eben auch unrechtes Geschäftemachen) und zweitens scheint das Wort eine geistliche Hybris auszudrücken. Passender wäre möglicherweise die Übersetzung mit „Frevler“. Das Motiv des Psalms kommt auf jeden Fall häufiger vor und bezeichnet Menschen, die aus einer Selbstüberhebung Gottes Gebote missachten und daher ihrem Nächsten schaden. Das ausdrückliche Ziel der BigS bestand darin, die Atheisten in Schutz zu nehmen. Daher haben sie den Begriff „rascha“ extrem verkürzt. Völlig entstellt haben sie die Aussage dennoch nicht, denn nach wie vor erscheint der ausformulierte Atheismus in dieser Stelle als die Erklärung für Bosheit.

Ein weiteres Beispiel für die soziale Gerechtigkeit ist Mt. 20,3. Die Arbeiter, die zur Arbeit in den Weinberg gerufen werden, stehen nun nicht mehr „untätig“ sondern „arbeitslos“ herum. Das Wort „argos“ kann nach meinem (nicht-biblischen) Griechisch-Wörterbuch mit „untätig, träge, müßig“ übersetzt werden. Bei den konventionellen Übersetzungen handelt es sich also keineswegs um eine Fehlübersetzung. Indem die BigS diese Männer zu Arbeitslosen macht, werden sie zum Teil eines sozialen Problems und fangen sich spontan alle Konnotationen ein, die uns beim Gedanken an die Arbeitslosen unserer Zeit kommen: sie werden zu Opfern von Unternehmen, zu einer Größe der Politik – genauer gesagt zu einer Messlate politischer Arbeit. Ob diese Konnotationen dieser Gruppe von Menschen besser gerecht werden bezweifle ich, denn die Beispiele, in denen in der Bibel jemand in Armut stürzt, liegen entweder in der korrupten Rechtsprechung, die den Armen nicht mehr schützt, oder in Leichtsinn, indem beispielsweise Haus und Hof verkauft wurden (was nach dem AT verboten war!).

Das Wort „doulos“ wurde in den meisten Übersetzungen seit Luther mit „Knecht“ übersetzt. Die BigS übersetzt es mit „Sklaven“ und hat in den meisten Fällen wohl Recht damit. Das Wort kann aber auch mit „Knecht“ übersetzt werden, sodass man nicht eindeutig sagen kann, ob es sich um ein zwanghaftes, freies oder sogar bezahltes Dienen handelt. Hier muss man nach dem Kontext entscheiden, und leider macht die BigS nicht deutlich, ob sie die Entscheidung nach bestem Wissen oder aus Prinzipientreue fällt.

6.Worum geht es der Bibel in gerechter Sprache?

Es kommt darauf an, wen man fragt: die Herausgeber nennen das Thema „Gerechtigkeit“ den „roten Faden“ in der Bibel.23 Die meisten Zeitungen unterstellen ausdrücklich den Versuch, die Bibel als politisch korrekt darzustellen – und machen ebenso deutlich, dass sie das Ergebnis für ein Wunschbild halten. So fragt der „Unispiegel“ ganz offen: „Haben Sie übersetzt oder die Bibel umgeschrieben?“ Und äußert damit wohl eher eine Kritik als eine Frage.24
Ähnlich scharf urteilt die ZEIT, die als die „eigentliche Gefahr dieser Übersetzung“ einen „Kategorienwechsel“ von der Übersetzung zur Kommentierung ausmacht.
Die Reaktionen der Medien reichen von beiläufigem Spott bis zur ernsten Ermahnung. Die Juden reagieren verhalten, und man fragt sich mit der „Welt,“ „Wem mit all dem letztlich geholfen ist“.

Die Unterstellung, die Herausgeber wollten sich und der Gesellschaft politische Korrektheit vorgaukeln, drängt sich daher auf und er passt ausgesprochen gut zu dem politischen Profil der EAA. Oder um es deutlicher zu sagen: den Nutzen haben weder die Juden (die für die Mitarbeit offensichtlich keine Zeit hatten) und auch nicht die Gesellschaft, sondern genau die Männer und Frauen, welche die Arbeit finanziert und vorangetrieben haben.
Ein Beleg für den Versuch, eine salonfähige Übersetzung zu präsentieren sind beispielsweise die praktisch durchgängigen Bemühungen, den Begriff „Ehebruch“ zu vermeiden. Im Dekalog des Dtn ist nun nicht mehr der Ehebruch verboten. Stattdessen heißt es: Dtn.5,18 „Verletze keine Lebenspartnerschaft.“ Außerdem sollte wohl die Trennung von Staat und Religion in die Bibel und die findet man jetzt in Mt.5,34. Statt des generellen Schwurverbotes heißt es nun: „Ihr sollt überhaupt keine Eide im Namen Gottes ablegen...“ 25

Und doch greift der Vorwurf, es ginge hier nur um politische Korrektheit, zu kurz. Wenn man sich die BigS nämlich genauer ansieht und Stellen liest, in denen es nicht um Frauen, Juden oder sozial Benachteiligte geht, merkt man, dass die Gestaltungswut über die offen zugegeben Ziele weit hinausgeht. Sie erklärt z.B. nicht, weshalb aus dem „Reich (oder der Königsherrschaft) Gottes“ in der BigS eine „gerechten Welt“ oder „Welt Gottes“ wird.

Claudia Janssen und Luise Schottroff aus dem Herausgeberkreis sind auch Herausgeberinnen einer wissenschaftlich feministischen Aufsatzsammlung über Paulus.26 Und hier findet man die Ziele, die man kennen muss, um die BigS wirklich zu verstehen.

7.Eine neue Theologie

In dem einleitenden Artikel des Paulus-Buches schreibt Rehmann gleich zu Beginn:
„Wenn der Rand in die Mitte rückt, verändert sich das ganze Bild. In der aktuellen feministischen Exegese zeichnen sich Früchte der kritischen und innovativen Arbeit am bisherigen Konzept des historischen Paulus ab. Stand am Anfang das Interesse im Vordergrund, die verdrängte Geschichte frühchristlicher Frauen der paulinischen Gemeinden auszugraben, so geht es inzwischen um weit mehr als um die Frage nach „den Frauen“ bei Paulus, mehr als um eine kritische Dekonstruktion androzentrischer Schriften und um mehr als nur darum, weibliche Sichtweisen einzubringen. Feministische Exegese ringt um eine grundsätzliche neue Wahrnehmung der paulinischen Schriften und damit um einen neuen Entwurf des Paulus und seiner Theologie.“ 27
Und so sieht das Ergebnis aus:

7.1.Keine Rechtfertigung aus Gnade allein

Luise Schottroff beginnt ihren Aufsatz zur Rechtfertigungslehre bei Paulus wie die BigS mit einem Rückbezug auf theologische Strömungen, die ein Laie möglicherweise nicht im gleichen Topf vermuten würde:
„Gegenüber der langen Tradition der Paulusrezeption, die den Römerbrief und seine Aussagen über „Rechtfertigung“ als Dokument einer überzeitlichen Anthropologie („des Menschen“ vor Gott) und Christologie gelesen hat, ist in den letzten 30 Jahren ein völlig neuer Ansatz von Paulusrezeption und christicher Theologie überhaupt entstanden. Er wird vor allem aus drei Quellen gespeist: den Befreiungstheologien in der weltweiten Ökumene, dem christlich-jüdischen Dialog und der Frauenbewegung/feministischen Theologie.“ 28
Der Mensch in der klassischen Rechtfertigungslehre entspricht für Schottroff dem „weißen wohlhabenden Mann,“ der sich in der überzeitlichen Anthropologie ein Denkmal gesetzt habe. Stattdessen plädiert Schottroff dafür, die Begriffe „Sünde“ und „Vergebung“ nicht mehr als individuelle sondern gesellschaftliche Größen zu verstehen. Nicht Personen sind demnach sündig, sondern Strukturen. Die Schuld des Individuums bestehe wenn überhaupt darin, „sündige Strukturen“ zu erhalten.
„Die lange Tradition christlicher Individualisierung der Rechtfertigungsbotschaft des Paulus zur je individuellen Sündenvergebung verkürzt die Gedanken des Paulus und ist als Instrument zur Rechfertigung der Täterinnen und Täter missbrauchbar.“ 29
Wenn es dabei nur um eine „Verkürzung“ ginge, könnte man noch glauben, dass sie grundsätzlich nichts gegen eine individuelle Sündenvergebung habe. Aber gerade hier sieht sie das zentrale Problem:
„Es ist in dieser Diskussion (die feministische Diskussion über „Sünde und Schuld“, Anm. von mir) deutlich geworden, dass die Vorstellung von Sünde als Rebellion gegen Gott, als Leisten-wollen, als Eigenmächtigkeit und Selbstvertrauen Frauen darin bestärkt, sich unterzuordnen und die Verantwortung für sich selbst anderen zu überlassen. Das heißt, christliche Sündentheologie hat das gesellschaftliche Unrecht der Geschlechterhierarchie befestigt und mit theologischen Weihen versehen.“ 30
Indem sie den Begriff „Sünde“ von den genannten Bestandteilen reinigt, weiht sie ihrerseits die Rebellion gegen Gott u.a. Hinter den vermeintlich ungerechten Strukturen sieht Schottroff offenbar als letzte Ursache die Unterordnung unter Gott. Sünde sind bei ihr als ungerecht empfundene Herrschaftsstrukturen („strukturelle Sünde Patriarchat“).
In das gleiche Horn bläst auch Elsa Tamez:
„Was wir vor allem erwarten, ist, dass sich die Gerechtigkeit Gottes manifestiert, und nicht, dass den Schuldigen vergeben wird.“ 31
Und auch sie sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der Rechtfertigung und der Unterordnung der Frau:
„Wenn wir Rechtfertigung und Vergebung von der Erlösung von der Schuld her lesen, bekräftigen wir, dass die Frau sich wirklich ein Vergehen hat zuschulden kommen lassen, indem sie die Grenzen ihrer Rolle als Frau überschritten hat.“ 32
Der Zusammenhang zwischen Rechtfertigung und Unterordnung scheint für Tamez in dem Modelcharakter der Erlösungstat Jesu zu bestehen:
„Außerdem findet die Rede von Gott als einem, der seinen unschuldigen Sohn zum Sterben am Kreuz schickt, eine Parallele in dem Missbrauch der Autorität der Väter im Umgang mit ihren Söhnen und Töchtern. Es ist klar, dass die Metapher des Opfers, das Gottvater fordert, und das Opfer des Sohnes nach den Mustern einer patriarchalen Gesellschaft ausgearbeitet wurde.“ 33
Die Werte, die durch „diese Theologie“ gefördert werden, seien denen der patriarchalen Gesellschaft ähnlich: „Opfer, Leiden, Selbstverleugnung und freiwilliges Sichfügen.“ 34
Tamez unterstellt, wenn ich sie richtig verstehe, dass die Lehre von der Selbstopferung Jesu aus Gehorsam zu unserem Heil eine patriarchale Erfindung ist, die als Modell für Hierarchiebestätigung erdacht wurde. Es geht demnach nicht um die Befreiung der Frau oder irgendwelcher Benachteiligter Personengruppen, sondern um die Beseitigung jeder Unterordnung. Niemand soll sich für andere opfern und niemand kann das von anderen erwarten. Daher ist das Opfer Jesu zur Vergebung unserer Sünden für die feministische Theologie unannehmbar.
„Die Welt und die Menschheit werden als Sackgasse beschrieben, für die die große Nachricht von der Gerechtigkeit Gottes nicht die ist, dass Gott den Sündern aufgrund des Blutes seines Sohnes vergibt. Die große Nachricht ist vielmehr die, dass Gott die Möglichkeit anbietet, diese verkehrte Welt, die Menschen wegen ihres Geschlechts, ihrer Rasse oder Klasse diskriminiert und ausschließt, umzuwandeln. Der Verurteilte wird wegen seiner Praxis der Gerechtigkeit auferweckt (Hervorhebung von mir). Die eigentliche Absicht der Gerechtigkeit Gottes ist nicht zu vergeben, sondern seine Geschöpfe neu zu schaffen als würdige Personen, die fähig sind, die durch die Sünde verkehrte Welt umzuwandeln[…]
Die Frauen weisen das Ansinnen der sich aufopfernden Liebe und der Selbstverleugnung zurück“ 35
Ihren Niederschlag findet diese Haltung in vielen Stellen, wobei der Römerbrief, als wichtigstes Dokument der Rechtfertigungslehre, am stärksten betroffen ist.

Röm.5,1f
Interlinear: „Gerechtgesprochen also aufgrund (des) Glaubens, haben wir (echomen, normaler Indikativ, wenn ich es richtig sehe) Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus, durch den auch den Zugang wir bekommen haben durch den Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und wir rühmen uns wegen (der) Hoffnung auf die Herrlichkeit (doxa) Gottes.“

Luther: „Da wir nur gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.

BigS: „Sind wir nun gerecht gesprochen auf Grund von Vertrauen, so lasst uns mit Gott Frieden halten durch den, dem wir gehören: Jesus Christus, durch den auch uns die Zuwendung Gottes im Vertrauen eröffnet wurde. In ihrem Licht können wir unser Leben gestalten. Wir können uns glücklich preisen, weil wir darauf hoffen, dass Gottes Glanz alles durchdringt.“

Der erste Teil drückt exakt das aus, was in der „New Paul Perspective“36 als „Evangelium“ verstanden wird: alle Menschen, egal welcher Nationalität, können zu Gott kommen (auch ohne das Gesetz schon zu haben). Aber um dabei zu sein, muss das Gesetz gehalten werden. Daher bleibt der erste Teil von Röm 5,1 stehen und der zweite wird zu einer Aufforderung (ist sprachlich m.W. nicht möglich). Daher heißt es auch nicht, „dass wir auch den Zugang erhalten haben“, sondern „dass auch wir“ den Zugang erhalten haben. Die Betonung liegt auf der Möglichkeit, dazu zu gehören.
Der Satz „In ihrem Licht...“ ist wohl eine völlig freie Ergänzung. Im letzten Teil ist aus der „zukünftigen Hoffnung“ bei Luther (Luther ergänzt hier übrigens auch) der „Glanz“ geworden, der „alles durchdringt.“ Da der Glanz alles durchdringt, nämlich das, was jetzt schon da ist, erreicht die BigS durch eine Ergänzung, dass die Hoffnung eine rein irdische Hoffnung ist. Wer es nicht bemerkt liest es im Glossar: „Der griechische Begriff doxa im NT wird neben der Bedeutung „Ehre“ (1 Kor 11,15) weitgehend von der des hebr. Kavod bestimmt, die das außerbiblische Griechisch sonst nicht kennt, und bezeichnet auch hier das wahrnehmbare (Hervorhebung von mir) Wirken Gottes (Röm 2,10; 5,2).“ 37

Ein letztes Beispiel zur Rechtfertigung ist Röm 3,28:
Interlinear: „Wir meinen nämlich, (dass) gerechtgesprochen wird durch (den) Glauben (der) Mensch ohne (choris) Werke (des) Gesetzes (nomos).“

BigS: „Nach reiflicher Überlegung kommen wir zu dem Schluss, dass Menschen auf Grund von Vertrauen gerecht gesprochen werden - ohne dass schon alles geschafft wurde, was die Tora fordert.“

Choris kann übersetzt werden mit: „abgesondert, getrennt von“, „allein für sich“, „außerdem“, „abgesondert“, „fern von“, „außer“, „ohne“, „anders als“. Die Übersetzung mit „ohne dass schon alles geschafft wurde, was die Tora fordert“ hat selbstverständlich nichts mehr mit dem Text zu tun. Auch hier klingt das neue Evangelium durch, das auf die Aufhebung der Nationalität vor Gott reduziert ist.
Im Übrigen ist diese Reduktion im Ergebnis eben die Haltung, gegen die sich Paulus bei den Juden wehrt: sie dachten doch gerade, dass sie dazu gehörten und wollten sich innerhalb ihrer Zugehörigkeit durch Gesetzeswerke ihren Status vor Gott sichern. Das ganze Kapitel 3 ist neben vielen anderen Kapiteln ein eindringlicher Appell, diesen Weg der Gerechtigkeit gegen den Weg der Rechtfertigung durch Glauben zu ersetzen. Wäre es Paulus nur um die Frage der Zugehörigkeit gegangen, hätte er sich doch die Hinweise auf die bisherige Praxis der Juden sparen können.

Exkurs: wie auch der Christus das Haupt der Gemeinde ist

Nun stellt sich die Frage, ob die feministische Theologie mit ihrer Abschaffung der Rechtfertigungslehre nicht über das Ziel hinausgeschossen ist: Muss man die Frauen vor Gottes Gnade schützen?
Die feministische Theologie verwirft die Rechtfertigung des Sünders aus Gnade zwar nicht mit Recht aber mit Verstand: Tatsächlich ist unser Verhältnis zu Jesus im NT das Urbild des Verhältnisses zwischen Mann und Frau.
„Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch der Christus das Haupt der Gemeinde ist, er als der Heiland des Leibes. Wie aber die Gemeinde sich dem christus unterordnet, so auch die Frauen den Männern in allem. Ihr Männer liebt eure Frauen, wie auch der Christus die Gemeinde geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat,“ 38 Eph. 5,23-25 So wie sich Christus hingegeben hat für das Heil der Gemeinde, so soll der Mann sich für seine Frau hingeben. Auf der anderen Seite empfängt die Gemeinde das Heil von Christus ohne etwas dazu beitragen zu können und die Frau empfängt von ihrem Mann, dass er sie liebt, „nährt und pflegt“ und im „Wasserbad des Wortes“ badet. 39
Die Erlösung durch das Opfer Jesu ist das Urbild der Ehe und legt sowohl für den Mann als auch für die Frau Rollen fest. Daher wird eine feministische Theologin es nicht als Entgegenkommen betrachten, wenn man auf die anerkanntermaßen schwierige Rolle des Mannes hinweist, sich für seine Frau hinzugeben, denn das Hingeben findet ja gerade in einer Beziehungshierarchie statt. 40
Und auch die Unterordnung außerhalb der Ehe ergibt sich aus der Rollenverteilung innerhalb der Ehe. Daher kann Paulus auf die erste Ehe verweisen, um die Unterordnung der Frau zu begründen und ihr Lehre und Herrschaft zu verbieten. Außerhalb der Ehe muss eine Frau zwar nicht anderen Männern gehorchen, aber ihr Wesen einer Frau „die sich zur Gottesfurcht bekennt“ (1.Tim 2,10) wird durch ihre Rolle innerhalb der Ehe geprägt – eben in Stille, Schamhaftigkeit, Sittsamkeit.
Die Ehe muss schon vor dem Sündenfall ein Bild für die Gemeinschaft des Menschen mit Gott gewesen sein. Denn mit der Sünde begann nicht die Unterordnung sondern die Hurerei (gängiges Bild in den Propheten, z.B. Jer.3). Die intakte Beziehung zu Gott, in der der Mensch umkehrt von seinen eigenen bösen Wegen und Gott gehorcht, entspricht dem Bild einer intakten Ehe.
Wenn die feministische Theologie in der Beziehung zwischen uns und Jesus das Urbild der Ehe-Hierarchie sieht, liegt sie damit in bester biblischer Tradition. Die Hingabe an seinen Willen, ein Absterben gar des eigenen Willens sind undenkbar.
Daraus ergeben sich natürlich Konsequenzen für viele andere Bereiche der Theologie:

7.2.Sünde

Der Sündenbegriff wird in der feministischen Theologie nicht mehr auf die Beziehung des Menschen zu Gott bezogen (was ja wieder eine demütige Unterwerfung zur Folge hätte), sondern als Schaden, den man anderen Menschen oder sich selbst zufügt. Im Glossar der BigS wird zum Begriff der „Sünde“ zwar immerhin unter einem Wust an Bedeutungsfetzen u.a. auch erwähnt, dass in der Bibel die Abkehr von Gott als „Ursache und Folge“ böser Handlungen gesehen werde (wobei offen bleibt, ob die Herausgeber diese Auffassung teilen). Allerdings wird ein Sündenbegriff etwas näher erläutert und der Leser mit folgendem Verständnis aus dem Sünden-Kapitel entlassen:
„Im Sprachgebrauch des Paulus meint hamartia (also „Sünde“, Anmerkung von mir) darüber hinaus eine Herrschaftsbeziehung mit globalen Dimensionen (Röm 5,12-21)41 . Die Sündenmacht herrscht über die Menschen und übt Zwang über sie aus, so dass es den einzelnen unmöglich wird, die Tora zu erfüllen (Röm 7,7-13). Das Kommen des Messias und seine Auferweckung verstehen die ntl. Schriften als Überwindung der Macht der Sünde und des Todes. Leben in Freiheit ist für die auf Christus Vertrauenden möglich – eine Freiheit, die sich inmitten einer von Sünde und Unrecht zerstörten Welt realisieren kann, wenn Menschen daran arbeiten, Gerechtigkeit und Liebe in ihrem Leben Raum zu geben (Röm 6,12-14; 12,1). Die Vergebung der Sünden bedeutet Heilung und die Ermutigung, aufrecht zu gehen (Mk 2,1-12).“ 42
Der angegebene Text in Röm 5 ist die klassische Stelle, mit der eigentlich die Erbsünde begründet wird. Die Erbsünde wird in der BigS zu „Herrschaftsbeziehungen mit globalen Dimensionen“. Der Einzelne wird nicht in seiner eigenen Schuld empfangen sondern in der Schuld der Welt. Daher benötigt er auch keine Sündenvergebung, sondern „Heilung“ und „Ermutigung“, sich von dem Übel nicht anstecken zu lassen, sondern trotzdem gut zu sein.
Dieses Sündenverständnis schlägt sich in der Übersetzung nieder:

Röm 5, 19
Luther:“Denn wie durch den Ungehorsam des einen Menschen die vielen zu Sündern geworden sind, so werden auch durch den Gehorsam des Einen die Vielen zu Gerechten.“

Interlinear: „Denn wie durch den Ungehorsam (parakoe) des einen als Sünder (hamartoloi) hingestellt worden sind die vielen, so auch durch den Gehorsam (hypakoes) des einen werden hingestellt werden als Gerechte die vielen.“

BigS: „Denn dadurch, dass ein Mensch Gott nicht hörte, kam es dazu, dass die Vielen der Sündenmacht dienen. Aber ebenso werden dadurch, dass einer auf Gott hörte, die Vielen befähigt, Gerechtigkeit zu verwirklichen.“

In der BigS beginnt der Schlamassel nicht mit Ungehorsam, sondern damit, dass jemand etwas nicht gehört hat, und es wird wohl nicht zufällig offen gelassen, ob dies ein Verschulden war oder nicht.
Das Problem geht auf die anderen Menschen über, weil die der Sündenmacht dienen, also eben durch ihre eigenen Sünden und nicht durch die Anrechnung der Sünde Adams.43 Die Sünde liegt nicht auf Seiten der Menschen, sondern in der Sündenmacht.

Die Lösung des menschlichen Problems besteht nicht in Jesu Opfer aus Gehorsam, sondern in seinem Hören auf Gott. Begriffe wie „Gehorsam“ und „Ungehorsam“ werden vermieden.
Analog zur Abschaffung der Erbsünde haben sie auch die freie Gnade Gottes abgeschafft, denn durch Jesu „Hören“ werden die Vielen nicht gerechtfertigt, sondern lediglich befähigt, Gerechtigkeit zu verwirklichen.
Damit wäre man wieder beim Thema Rechtfertigungslehre.

7.3.Keine Hoffnung auf das ewige Leben

Da die feministische Theologie ganz aus dem Herrschaftsbereich Gottes geflüchtet ist und weder Sünde kennt noch Vergebung sucht, kann sie auch nichts mit dem Leben nach dem Tod anfangen. Auferstehung findet hier in der Welt statt. Die BigS macht sich dabei den Umstand zunutze, dass die griechischen Begriffe wie „anastasis“ oder „anhistemi“ sowohl das alltägliche Aufstehen aber eben auch die Auferstehung oder das Auferstehen aus den Toten bedeuten kann.
Im Glossar der BigS schreibt Janssen: „Vom alltäglichen Aufstehen, vom Auferstehen ist in der Bibel vielfach die Rede“44
Hier wird der Unterschied zwischen Aufstehen und Auferstehen bewusst eingeebnet. Damit wird vorweggenommen, was anschließend ausdrücklich behauptet wird:
„Die Auferstehung Jesu und die Hoffnung auf die endzeitliche Auferstehung der Toten (…) verbinden sich mit diesen Auferstehungserfahrungen, mit diesen Aufsteh-Erfahrungen mitten im Leben.“ 45
Am stärksten wirkt sich diese Haltung natürlich auf einen klassischen Auferstehungstext wie 1.Kor 15 aus:

z.B. V.42
Interlinear: „So auch die Auferstehung der Toten. Gesät wird in Vergänglichkeit (phtora46 ), es aufersteht in Unvergänglichkeit (aphtarsia47 ).“

Luther: „So auch die Auferstehung der Toten. Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich.“

BigS: „Genauso ist es auch mit dem Aufstehen der Toten. Gesät werden Menschen in eine zerstörbare Welt, wahrhaft Lebendige stehen auf.“

Für die Übersetzer der BigS ist die Vorstellung einer verdorbenen, vergänglichen Welt unerträglich. Sie machen aus ihr eine „zerstörbare“ Welt, was impliziert, dass die Welt auch erhalten werden kann. Die Hoffnung wird auf die Erde gerichtet und aus der Verheißung eine Aufforderung, nämlich „wahrhaft lebendig“ zu sein. Dieses Aufstehen spielt sich im Diesseits ab.

z.B. V.44
Luther: „Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib. Gibt es einen natürlichen Leib, so gibt es auch einen geistlichen Leib.“

Interlinear: „Gesät wird ein irdischer Leib (soma psychikon), es auf(er)steht ein geistlicher Leib (soma pneumatikon). Wenn ist ein soma psychikon, ist auch ein pneumatikon. Man muss dazu sagen, dass „psychikos“ eigentlich „seelisch“ oder „lebendig“ bedeutet, aber sowohl in der Literatur als auch in der Bibel in der Regel das irdische Leben im Gegensatz zum geistlichen oder jenseitigen Leben meint – wofür dieser Vers eigentlich ein Musterbeispiel ist.

BigS: „Gesät wird ein lebendiger Körper, ein Körper, den Gottes Geist erfüllt, steht auf. Wenn es einen lebendigen Körper gibt, dann auch einen geisterfüllten.

Die erste Veränderung der BigS besteht darin, durch die (mögliche) Übersetzung von „psychikon“ mit „lebendig“ den Gegensatz zwischen den beiden Körpern zu streichen – obwohl es im Kontext ja gerade um die verschiedenen Arten von Körpern geht und nicht um die verschiedenen Möglichkeiten zu leben o.ä. Es geht in der BigS nicht mehr um den Gegensatz von irdischem und geistlichem Körper, sondern um einen lebendigen Körper, der zusätzlich (so muss man es jetzt verstehen) auch vom Geist erfüllt sein kann oder nicht.
Und damit bin ich beim nächsten Unterschied: aus dem „geistlichen Körper“ macht die BigS einen „geisterfüllten“ Körper. Soweit ich das sehe, ist das weder semantisch noch logisch eine mögliche Übersetzung, denn „pneumatikos“ beschreibt die Eigenschaft von etwas und nicht die Umstände. D.h. wenn man von einer Welt pneumatikos spräche, wäre das eine geistliche Welt (also eine gedankliche oder jenseitige), und keine Geist-erfüllte (aber immer noch irdische) Welt. Man kann zwar davon sprechen, dass jemand etwas pneumatikos geschrieben hat, also in diesem Fall „voll Geistes geschrieben“ hat. Aber das Ergebnis, nämlich das Schriftstück ist damit sprachlogisch „geistlich“ und nicht „voll Geist“. Das Adjektiv pneumatikos vor dem „geschrieben“ weist das Geschriebene als geistlich und den Schreiber als voll des Geistes aus. Wenn man also von einem „soma pneumatikon“ spricht, kann es sich m.E. nur um einen geistlichen Leib handeln. Wenn es hieße, dass der Leib pneumatikos erschaffen worden wäre, dann wäre der Erschaffer voll des Geistes und der Körper seinem Wesen nach ein Produkt eines geisterfüllten Erschaffers.
Und auch die Satzlogik lässt keinen „geisterfüllten“ Körper zu, denn es handelt sich hierbei offensichtlich um eine analoge Konstruktion, bei der psychikon das Gegenstück zu pneumatikon bildet. Davon abgesehen ist der Witz des Bildes vom Säen und Ernten ja gerade, dass erst etwas sterben muss, damit an dessen Stelle etwas Neues viel größeres wachsen kann.
Aus der Gegenüberstellung zweier Körper und ihres unterschiedlichen Schicksals werden Menschen, die etwas tun – nämlich aufzustehen.

7.4.Die leibliche „Auferstehung“

Die BigS übersetzt „soma“ mit „Körper“. Das ist an sich unproblematisch. Aber mit dem moderneren Begriff erhält auch ein moderneres Bild vom Körper Einzug in die Bibel: Wenn die Hoffnung auf das ewige Leben verloren geht, gibt es auch keine Hoffnung auf einen neuen Leib. Der Leib, den wir auf der Erde haben, ist alles und kann daher nicht grundsätzlich verdorben sein. Oder wie Janssen schreibt: „Werden Menschen als soma48 benannt, dann werden sie in ihrer Beziehung zu anderen Menschen, zu Christus oder Gott angesprochen. Entscheidend ist, wodurch die Beziehungen geprägt sind: durch das Leben, die Geistkraft oder durch den Tod (1.Kor 15,44; Röm 7,24)“49
Folglich muss der Gedanke an die Schwachheit des Fleisches getilgt werden.

Röm 8,5 übersetzt Luther: „Denn die da fleischlich (kata sarka = gemäß/nach dem Fleisch) sind, die sind fleischlich gesinnt; die aber geistlich sind, die sind geistlich gesinnt.“ BigS: „Diejenigen, die sich durch die menschliche Begrenztheit bestimmen lassen, bleiben in ihren Vorstellungen begrenzt. Jene aber, die sich an der Geistkraft orientieren, gewinnen Einsicht in das Wirken der Geistkraft.“

Ähnlich wird der negativ konnotierte Begriff des „Fleisches“ immer umschrieben.

7.5.Gott

Von Gott erfährt man im Glossar der BigS auffallend wenig. Die entsprechenden Artikel beschäftigen sich (und den Leser) vor allem mit ausführlichen Aufzählungen der Gottesnamen und ihrer Bedeutung.
Am Ende des Glossarartikels erfährt der Leser, welche zentrale Botschaft über Gott die BigS vermitteln möchte:
„Gemeinsam halten sie (die Eigennamen Gottes, Anm. von mir) fest, dass Gott stets derselbe, aber nicht immer die Gleiche, stets die gleiche, aber nicht immer derselbe ist. Das Zugleich der Erfahrung der Einheit und der Erfahrung der Vielfalt Gottes erkennbar werden zulassen – eben jener Vielfalt, die sich der Einheit Gottes verdankt -, ist ein ganz zentrales Anliegen der Bibel in gerechte Sprache.“
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Dieses Anliegen steht, auch wenn es an dieser Stelle nicht ausdrücklich gesagt wird, in direktem Zusammenhang der feministischen Theologie, andere Religionen nicht auszugrenzen. Je konkreter Gott wird, desto deutlicher werden die Unterschiede beispielsweise zum Islam, aber auch zu Naturreligionen. Aber je diffuser die Gottesvorstellung, desto ähnlicher werden sich alle Religionen und überhaupt alle Menschen, wenn sie nur irgendetwas erahnen, was man mit dem Platzhalter „Gott“ versehen kann. Tatsächlich erinnert es an einen Platzhalter, wenn der Gottesname durch ein graues Feld mit zufällig wechselnden Gottesbezeichnungen ersetzt wird.
Dass das Heil in dem Mensch-gewordenen Gott Jesus liegen soll, wird als „exklusiv“ abgelehnt. Hier liege die Ursache für die Kluft zwischen Christen und Juden, Katholiken und Protestanten und wie gezeigt auch die Ursache für die Herrschaft des Mannes über die Frau.

Die BigS unternimmt daher alles, was in ihrer Macht steht, um kein greifbares Gottesbild entstehen zu lassen: am Anfang war nicht mehr das Wort, sondern die Weisheit. Und der Text klingt auf einmal so, als wären die Menschen einfach unweise – der Verweis auf einen ätiopischen Henochtext unterstreicht diesen Eindruck noch. Dass hier von Jesus die Rede sein soll, erkennt man nicht mehr.
Aus dem Heiligen Geist wird die „heilige Geisteskraft“. Dadurch wird dem Heiligen Geist stillschweigend das Personsein abgesprochen und – nicht zuletzt – die Dreieinigkeit in Frage gestellt. Im Glossar bestätigt sich dieser Verdacht: „In nachbiblisch-christlicher Theologie wird die Geistkraft Gottes zu einer Person der göttlichen Dreifaltigkeit (Trinität).“51

Man kann also sagen, dass viel von der Offenbarung über Gott den Vater verloren geht. Jesus rechtfertigt nicht mehr den Sünder (zumindest an vielen Stellen) und der Heilige Geist wird zur Kraft oder zur Gegenwart Gottes. Damit hat die BigS nicht nur die Theologie des Protestantismus verlassen, sondern auch das Christentum im weitesten Sinne.

8.Eine Zusammenschau der wichtigsten Züge der BigSy

Auch wenn es bisher den Anschein erweckt haben mag, dass in der BigS einfach sehr viele theologische Motive zufällig gleichzeitig in eine gemeinsame Übersetzung geraten sind, gibt es einen Zusammenhang:
Im Zentrum steht die Ablehnung jeder Herr-schaft. Das Glossar widmet einem Abschnitt dem Begriff „kyrios“. Hier wird zwischen gesellschaftlichen Herren und der Herrschaft Jesu unterschieden, der eigentlich wie ein Sklave sei. Seine „Anrufung“ gelte als „Befreiung und Lösung von allen anderen Herren“52 .
Es geht weder der Befreiungstheologie noch der feministischen Theologie um eine Verbesserung der Herrschaft sondern um ihre Abschaffung53 . Es kann für sie keine gute Herrschaft geben, d.h. es gibt keinen Grund, die Abhängigkeit eines Stärkeren zu akzeptieren - und man ahnt schon, dass dadurch das Zentrum des christlichen Glaubens angetastet wird. Denn Gott regiert über die Welt indem er sie aus Nichts erschafft und am Leben erhält. Er führt sein Volk immer durch geistliche Führer, die er eingesetzt hat und zuletzt leitet er seine Gemeinde durch seinen Sohn. In allen Fällen geht es nicht um Partnerschaft, sondern um Herrschaft über hilflose Geschöpfe, die auf die Herrschaft Gottes und seiner Unterhirten angewiesen sind. Wir empfangen von einem Stärkeren das Leben, weil wir es selbst nicht in uns haben. Wer die Notwendigkeit von Gottes Hilfe nicht einsieht, hat kein Teil an ihm (vgl. die Fußwaschung). Und ohne Widerspruch wird das Geringere von dem Besseren oder Höheren gesegnet (Hebr 7,7).
Natürlich geht es bei Gottes Herrschaft immer um eine gute, deren Wesen darin besteht, dass der Stärkere den Schwächeren rettet, aber gerade das ist das Demütigende daran und gehört für Befreiungstheologie und Feminismus zum Feindbild. Sie lehnen den Glauben ab, der bekennt, dass wir hoffnungslos verloren sind und nur durch das Opfer Jesu gerettet werden können.
Erst recht lehnen sie jede von Gott eingesetzte Herrschaft auf der Erde ab. Umgekehrt argumentiert Paulus in seinen Briefen, dass die Unterordnung unter irdische Herrschaft eine Unterordnung unter Gott sei, der alle Gewalten eingesetzt habe (Röm 13). Die Unterwerfung unter die übergeordneten Mächte ist im NT daher eine Frage des „Gewissens“54 die Selbstverleugnung eine heilige Pflicht (Tit 2,11ff; 1. Petr 4,1f).

Wer Gottes Herrschaft nicht erträgt, wer auf das Opfer Jesu nicht angewiesen ist, muss alle Ziele ablehnen, die ihm durch diese Herrschaft geboten werden. Das ewige Leben spielt daher weder in der feministischen Theologie noch in der Befreiungstheologie eine große Rolle. Beide betonen immer wieder ihre politischen und diesseitigen Ziele. In der BigS wird das sowohl in der Übersetzung als auch im Glossar immer wieder deutlich.

Die BigS erklärt ihr Evangelium rein innerweltlich: „Die Freudenbotschaft Jesu bringt die Befreiung der Armen und Gefangenen und widerspricht der Kaiserideologie mit ihrer Behauptung eines weltweiten Friedens, der auf Kosten der Armen und der Freiheit der unterworfenen Völker militärisch erzwungen wird. Dieser politische Akzent des Wortes ist in der heutigen Sprache verloren gegangen, da das Wort in der politischen Herrschaftsideologie keine Rolle mehr spielt. Die verschiedenen Dimensionen des biblischen Wortes sind also nur durch Vergegenwärtigungen zurückzugewinnen, die das Wort in die politische und ökonomische Gegenwart einbringen.“55

Andererseits gibt es nach der Abschaffung der Rettung auch kein Verlorensein mehr und damit auch keine Verlorenen, von denen man sich getrennt weiß – mit weit reichenden Folgen für Ökumene und jüdisch-christlichen Dialog und überhaupt alle möglichen Dialoge.

9.Beurteilung

9.1.Gemessen an ihren eigenen Zielen

Die BigS hat der feministischen Theologie einen Bärendienst erwiesen: sie hat zwar an einigen Stellen Frauen in die Texte eingebaut, dafür aber einen hohen Preis gezahlt. Denn nun ist es offensichtlich, dass die feministische Theologie nicht nur gegen kirchliche Traditionen kämpft sondern gegen die biblischen Texte selbst. Wer moderne Geschlechtergerechtigkeit in der Bibel finden möchte, muss sie, wie es aussieht, umschreiben.
Der Gewinn (gemessen am Interesse der feministischen Theologie), nämlich das Auftauchen von Frauen an Stellen, an denen sie zuvor nicht zu sehen waren, kann dieses Eingeständnis aus feministischer Sicht nicht aufwiegen.

Das Gleiche kann man an vielen Stellen auch von dem Versuch sagen, den vermeintlichen Antijudaismus in der Übersetzung zu vermeiden. Hinzu kommt, dass das erste Ziel, nämlich die „Geschlechtergerechtigkeit“ nur über eine indirekte aber weitgehende Kulturkritik des patriarchalen Judentums angestrebt wurde.

Das dritte Ziel hat zu wenig Neuerungen geführt. Es ist nicht zu erwarten, dass der Leser von sich aus den Eindruck gewinnt, dass er zum ersten mal eine sozial gerechte Übersetzung vor sich hat.

9.2.Aus der Sicht des Konsumenten

Unabhängig davon, ob man Christ ist oder nicht, hat man bestimmte Ansprüche an eine Bibelübersetzung. Kurz gesagt erwartet man, dass man nach der Lektüre der Bibel weiß, was in der Bibel steht. Wer wissen möchte, was Theologen bestimmter Richtungen über bestimmte Texte sagen, kann deren Kommentare lesen. Aber wer die Bibel liest, hat das Recht und vermutlich auch ein Interesse daran, einen Kommentar zu prüfen.

Diese Aufgabe leistet die BigS schlichtweg nicht. Oder wie die ZEIT sagt: „Die Aufgabe der Übersetzung ist nämlich streng zu unterscheiden von der Übertragung, der Text von seiner Auslegung, die Schrift von ihrer Predigt, die feststellende Philologie also von der deutenden Hermeneutik. Was man heute für die richtige Deutung hält, darf man nicht rückwärts in die Übersetzung der zu deutenden alten Texte tragen. Vielmehr muss der Deuter seine Deutung im Kontext wie im Kontrast zum Urtext stets für den (Bibel-)Leser und (Predigt-)Hörer offen legen und verantworten. Wer seine Auslegung (also seine zeitbedingte, vielleicht auch irrige Meinung) im Urtext (und in dessen Übersetzung) versteckt, entzieht beides der Kritik – seine Predigt ebenso wie den Bibeltext.“56

Die Kritik trifft es nicht ganz: Es gibt natürlich auch nacherzählende Bibeltexte, in denen klar ist, dass hier ein Theologe sehr frei den Text in seinem Sinne umschreibt. Dies ist ein transparentes und oft auch hilfreiches Verfahren. Aber diesen ehrlichen Weg hat die BigS nicht gewählt. Schon im Titel macht sie nicht deutlich, ob es bei dieser Übersetzung eigentlich um eine Bibel in gerechtem Deutsch geht oder wirklich um eine gerechte Sprache. Wenn es nur um ein gerechtes Deutsch ginge, hätte sie zwar alle vorangegangenen deutschen Bibelübersetzungen als ungerecht stigmatisiert (und das hat sie faktisch, auch wenn ihre Herausgeber dies noch so oft dementieren) aber nicht die griechischen und hebräischen Urtexte. Wenn es tatsächlich um eine gerechte Sprache geht, wird stillschweigend auch von allen anderen Sprachen und damit auch den Originalen ihre Ungerechtigkeit behauptet. Der Benutzer weiß also von Anfang an nicht, ob es hier um eine neue und eigene Sprache, also eine Nacherzählung mit theologischer Botschaft ist, oder eine ernsthafte Übersetzung. Und diese Unsicherheit wird nicht ausgeräumt: dem Urtext gerecht zu werden wird als ein immerhin gleichrangiges Ziel neben den anderen genannt und überhaupt sieht das ganze Buch aus wie eine Bibel. Wichtige Ziele werden nur im Glossar genannt (Vagheit des Gottesbegriffes, Diesseitsorientierung und die Beseitigung der Rechtfertigungslehre) und man wird den Eindruck nicht los, dass im Vorwort überhaupt nur die Ziele verraten werden, auf die der Leser stoßen soll.
Im Einzelfall ist es selbst für einen Theologen nicht immer möglich zu beurteilen, ob eine Übersetzungsentscheidung sprachlich begründet ist oder ob der Text theologischen Zielen weichen musste. Hinzu kommen die zahllosen Anmerkungen, die den Bibeltext oft in ein völlig anderes Licht tauchen aber weder Quellen noch überprüfbare Argumente liefern.

Die eigentliche Kritik betrifft daher nicht die Vermischung von Kommentar und Übersetzung, sondern die Unehrlichkeit der Herausgeber: Der Leser wird vom Titel bis zur letzten Zeile über die wirklichen Ziele im Dunkeln gelassen und zu einem nahezu völlig blinden Vertrauen in ein Projekt verpflichtet, das sich als kritisch geriert und beansprucht, von der Basis auszugehen.
Diese Bevormundung zieht sich dann in dem Anhang durch, der zu einer regelrechten Kurzbibelschule angewachsen ist. Hier steht dann ausdrücklich, was dem Leser in dem „Übersetzungsteil“ entgangen sein kann.

Der Theologe und Religionsphilosoph Ingolf U. Dalferth beklagt in der NZZ die „Bevormundung“ des Lesers durch die BigS: „Sie traut den Lesern gar nichts zu, sondern schreibt ihnen unablässig vor, wie sie verstehen sollen, was sie lesen.“57

Kurz gesagt handelt es sich aus der Sicht des Verbrauchers schlichtweg um einen Etiketten-Schwindel: dieses Buch ist keine Bibel und kein Kommentar zur Bibel. Und auch wenn sie so aussieht und so auftritt, hat sie dies genau genommen auch nie als Ziel formuliert.

9.3.Aus der Sicht eines Christen

So atemberaubend die Eingriffe der BigS teilweise auch sind: sehr viele Abschnitte haben den Gestaltungswillen der „Übersetzer“ recht gut überlebt. Und in politisch unkorrekten Passagen wurden oft nur die ausdrücklichen Spitzen eliminiert (was dadurch nur umso deutlicher als Eingriff zu erkennen ist). Für jemanden, der sonst nie die Bibel liest und aus Neugier in der BigS blättert kann es bedeuten, dass er tatsächlich auf einen Abschnitt stößt, der ihm alles Heilsnotwendige vermittelt – wenngleich die Chancen bei einer Bibel, wesentlich größer wäre.
Für einen Christen, der regelmäßig die Bibel liest und dabei auf Übersetzungen angewiesen ist, kann es bei einem Wechsel zur BigS zu Verunsicherungen kommen, die nicht wünschenswert sind:
Insbesondere zu einem Misstrauen gegenüber der Schrift: Ist sie ungerecht? Frauenfeindlich? Antisemitisch? Gewaltverherrlichend?
Dazu kann der wohl beabsichtigte Eindruck kommen, weniger über Gott zu wissen, als man aufgrund der Bibeltexte sagen zu können glaubt, nur: wie wenig oder viel ist das? Ist das Reden von Gott letztlich ein Platzhalter für alles, was Menschen an religiösen Erfahrungen sammeln?
Wer die Bibel als ernsthafte Übersetzungsalternative und Studienbibel benutzt, wird über kurz oder lang auch Zweifel am ewigen Leben, an der Sündenvergebung und einer persönlichen Umkehr entwickeln.

10.Wie geht es weiter?

Kurz nach Verkaufsbeginn wurden bereits 20 000 Exemplare der BigS verkauft. Aber wird sich ein Buch am Markt halten, das als Übersetzung verkauft wird und so grob unzuverlässig ist?
Es gibt gute Gründe eben das anzunehmen: es ist durchaus denkbar, dass viele Pfarrer ihrer Gemeinde keine Bibelstellen im Gottesdienst mehr zumuten wollen, in denen Jesus sich gegen Auslegungstraditionen der Juden stellt und vor Pharisäern warnt.
Zusätzlich wird die Verwendung der BigS trotz aller Kritik von der Öffentlichkeit vermutlich wohlwollend beurteilt werden. Denn auch wenn sie offenbar von den großen Zeitungen nicht als Übersetzung ernst genommen wird, ist dieses Buch doch ein klares politisches Bekenntnis, das sagt: „Wir sind bereit, zur Not die Grundlagen unseres Glaubens anzutasten, wenn wir nur dazu gehören dürfen.“
Die Öffentlichkeit muss, bei allem Spott über diese offensichtliche Charakterlosigkeit, an diesem Bekenntnis sehr interessiert sein, denn sie liebt das Selbstbild, allen Religionen freie Religionsausübung zu gewähren, gleichzeitig „Fundamentalisten“ als kranke Sonderform zu diskreditieren. Die BigS erlaubt die benötigte scharfe Trennung zwischen solchen Christen auf der einen Seite, die im Zweifelsfall der öffentlichen Meinung folgen und den Fundamentalisten auf der anderen Seite, die von ihrem Fundament auch gegen Verfolgung nicht abrücken.

In Freikirchen wird man einer derart offensichtlichen Vereinnahmung vermutlich etwas zurückhaltender begegnen. Aber wenn es theologisch opportun erscheint, ist es durchaus denkbar, dass in Hauskreisen die vermeintlichen Übersetzungsalternativen zitiert werden. Und wie soll sich ein normales Gemeindemitglied gegen die überwältigende Autorität unzähliger Gelehrter stellen, wenn es um Übersetzungsfragen geht.
Es kann auch sein, dass die BigS zu einer reinen Kirchentagsübersetzung herabsinkt und einen kleinen stabilen Leserkreis unter liberalen Kircheninteressierten findet.
Aber eines ist ziemlich sicher: die BigS ist ein Dammbruch und jetzt wird es von Übersetzungsvorschlägen wimmeln. Die BigS selbst versteht sich als „Zwischenstand auf einem Weg, der niemals zu Ende ist.“58
Es gehört nicht viel Klugheit dazu, das Ende dieses Weges zu erkennen, denn es wurde genug darüber geschrieben.


1. Laut der Selbstvorstellung auf ihrer Homepage
2. Vor ähnlichen Problemen stand auch das Herausgeberinnenteam des „Kompendiums“ „Feministische Bibelauslegung“: „Im Kontext der Bundesrepublik muss es auf jüdische Frauen besonders vereinnahmend wirken, wenn eine Gruppe christlich-feministischer Theologinnen zu einem gemeinsamen Projekt der Bibelausleung einlädt – einige jüdische Frauen haben uns mit diesem Argument abgesagt“ (aus dem Vorwort, Angaben zum Buch weiter unten). Es ist wohl nicht übertrieben, ähnliche Vorbehalte auch bei der BigS zu vermuten.
3. Dies geht aus dem ersten Infobrief hervor, indem auf die oft schwierigen Entscheidungen hingewiesen wurde, wie mit Texten zu verfahren sei, die auch korrekt übersetzt immer noch „ungerecht“ seien.
4. Zitiert aus einer Rezension in der Welt vom 5.10.2006
5. Das ist nicht korrekt, denn der Name Gottes wurde nicht aus Unvermögen sondern aus Respekt nicht ausgesprochen.
6. Wobei zumindest einzelne Übersetzer der BigS die Gruppe der 12 engsten Jünger als Fiktion ansehen, durch die – mit der Zahl 12 – die Hoffnung auf Israels Wiederherstellung ausgedrückt worden sein soll.
7. Frau Janssen aus dem „Herausgabekreis“ argumentiert in einem Interview mit dem „Unispiegel“ dagegen: „Wir haben die historische Beweislast umgekehrt. Wir schreiben nur an den Stellen die maskuline Form, an denen definitiv beweisbar ist, dass Frauen nicht anwesend waren. Frauen waren damals in allen Bereichen der Gesellschaft vertreten, wie sozialgeschichtliche Zeugnisse zeigen. In alten Kaufverträgen zum Beispiel tauchen immer wieder Handwerkerinnen auf. 95% der Gesellschaft waren schlichtweg zu arm, um eine Rollenverteilung zu leben, in der die Frau aufs Private reduziert wurde. Wir dürfen uns da nicht von Cicero und anderer Literatur der antiken Oberschicht täuschen lassen.“
Man darf nur erstens nicht vergessen, dass sie damit ihre Eingriffe in biblische Texte rechtfertigt, die hier als Literatur der antiken Oberschicht betrachtet werden müssen, damit es sich überhaupt um ein Argument handelt. Zweitens setzt sie stillschweigend voraus, dass der männliche Plural nicht nur Frauen in der Anrede benachteiligt sondern noch nicht einmal mitmeint. Nach der gängigen Lesart mag man diese Anrede zwar als politisch unkorrekt ansehen, aber die Frage, ob Frauen anwesend waren oder nicht, wird dadurch gerade nicht entschieden. Wer also die männliche Anrede wählt, setzt sich dem Vorwurf aus, politisch nicht korrekt zu sein, wer aber die weiblichen Anreden einfügt, hat die Beweislast für diese Entscheidung überhaupt erst ins Spiel gebracht.
8. Allerdings ist hier die Lage eindeutig weil im Deutschen der veraltete Plural „Geschwister“ beide Geschlechter umfasst. Gibt es in einer anderen Sprache nur die ersten beiden, ist „Geschwister“ selbstverständlich mit „Brüder und Schwestern“ zu übersetzen.
9. Ein weiteres Argument ist 1.Joh 2,14, wo in der direkten Ansprache nur Väter und junge Männer erscheinen (die BigS übersetzt mit „jüngere“ und „ältere“, obwohl es hier nicht um die Anrede „adelphoi“ geht). Ähnliche Probleme bereitet dann auch Gal 3,26; 4,6f. Ohne die Männer in besonderer Weise anzusprechen, wären auch die Texte über die Beschneidung sehr eigenartig: „Denn wir sind die Beschneidung, die wir im Geist Gottes dienen...“ Zwei Verse vorher redete er seine Zuhörer mit „Brüder“ an. Wie sollte man diesen Satz einer Gemeinde sagen, in der Frauen und Männer gleichermaßen gemeint sind?
10. Ähnlich ist es mit unseren Anreden vor Publikum, in dem beispielsweise der Bürgermeister sitzt: „Sehr verehrter Herr Bürgermeister, meine Damen und Herren“. Wenn nun in 50 Jahren ein Übersetzer keine Bürgermeister mag, kann er versucht sein, diese Anrede so zu übersetzen: „Meine sehr verehrten Damen und Herren“. Denn schließlich sei der Bürgermeister in dieser Anrede mitgemeint. Aber jedem ist klar, dass die beiden Anreden eben nicht dasselbe bedeuten, auch wenn sie logisch identisch sind. Und egal ob es einem gefällt oder nicht: die besondere Anrede des Bürgermeisters ist ein Zeitzeugnis unserer Kultur und ihrer Haltung gegenüber Autoritäten. Ebenso ist es mit der Anrede „Liebe Brüder“.
11. Die Übersetzung ändert nur den Code, der Kommentar den Adressatenkreis.
12. Das Wort „porneia“ wird in säkularen Wörterbüchern einfach mit Hurerei übersetzt. Die in der BigS intendierte Unterscheidung zwischen verantwortlichem und unverantwortlicher „porneia“ scheint mir ein Kunstfehler zu sein, den ich allerdings nicht näher überprüft habe.
13. Ich bezweifle stark, dass die Übersetzerin das wirklich herausarbeiten wollte. 14.BigS S.2319. Diese vermeintliche Verführungsszene wird in der Genesis-Stelle selbst allerdings nicht angesprochen.
15. BigS S.2324.
16. BigS S.2280.
17. Die einzige Begründung, die in der BigS gegeben wird, sind die Stellen in Gen 1,27; 5,2 und die Flüche, von denen einige auch die Frau betreffen. Alle Aussagen und Formulierungen lassen sich leichter mit genau dem Vorgehen erklären, das auch beschrieben wird, als mit der Theorie vom androgynen Zwitterwesen: Da Gott die Frau aus einem Teil des Mannes gemacht hat, ist im Mann tatsächlich die ganze Menschheit angelegt und die Frau ist sein Abbild, wie Paulus sagt. Der erste Mensch kann also im Vollsinne als Mann gelten und dennoch der Repräsentant für alle Menschen sein. In gewissem Sinne ist also tatsächlich im ersten Mann auch die Frau enthalten, aber nicht im Sinne einer Aufspaltung eines zunächst androgynen Wesens in Mann und Frau als gleichberechtigten Teilen. Aus einem Teil des Mannes wird die Frau gemacht. So versteht man es und so machen alle Formulierungen Sinn. Nur kommt diese Erklärung für die Übersetzer der BigS nicht in Frage.
18. Ich habe das bei „Strack-Billerbeck“ nachgelesen, einem Standardwerk für Zitate aus dem jüdischen Kommentarwerk. Hier wäre dringend eine Quellenangabe angeraten, wenn es sich tatsächlich um eine übliche Formulierung handeln sollte.
19. Am schlechtesten ist hier allerdings die HfA geraten, die Jesus hier gegen das AT ausspielt, was nun eindeutig mit „den Alten“ nicht gemeint war.
20. Ingolf U. Dalferth in der Neuen Zürcher Zeitung vom 18.11.06.
21. Die Übersetzung mit „Unsichtbarwerden“ entspricht zwar der Etymologie des Wortes, war aber seit der Antike nicht mehr üblich. Ebenso wenig würden wir heute das Wort „disappear“ mit „unsichtbar werden“ übersetzen, obwohl es genau das eigentlich sagt.
22. Das dies kein Zufall ist, zeigen die häufigen Betonungen, dass die Übersetzer den Blick von einer inneren Sündhaftigkeit zu einer gesellschaftlichen, von einer inneren Umkehr zu einer Umkehr der Zustände umlenken wollen.
23. Claudia Janssen im Interview mit dem Unispiegel vom 25.10.06
24. Frau Janssen kontert, dass jede Übersetzung eine Interpretation sei. Das ist korrekt, aber nicht jede Interpretation ist eine Übersetzung. Jede Übersetzung setzt Verständnis voraus, aber nicht jede Äußerung, die dem Verständnis eines Textes dient, ist eine Übersetzung! Davon abgesehen zählt es überhaupt nicht zu den erklärten Zielen der BigS, den Text besser verständlich zu machen; es geht doch darum, ihn gerechter zu machen.
25. Die von mir hervorgehobene Passage ist nicht nur eine Erfindung; sie passt auch nicht zu den Beispielen, von denen sich eben nur einige auf Gott beziehen.
26. Claudia Janssen, Luise Schottroff und Beate Wehn, Paulus. Umstrittene Traditionen – lebendige Theologie. Eine feministische Lektüre, Gütersloh, 2001.
27. Paulus, S.10.
28. Paulus, S.44.
29. Paulus, S.45.
30. Paulus, S. 47. Wie recht sie damit tatsächlich hat, wird noch zu zeigen sein.
31. Luise Schottroff und Marie-Theres Wacker (Hrsg.), Kompendium. Feministische Bibelauslegung (FB), Gütersloh, 19992, S.560.
32. FB S.560.
33. FB S.565.
34. FB S.565.
35. FB S.565f.
36. Die „New Perspective on Paul“ oder „New Paul Perspective“ versucht, Paulus neu zu lesen. Die Rechtfertigungslehre ist eine Trennungslinie in der Ökumene und ihrem Wesen nach eine Verurteilung aller anderen Religionen. Die NPP interpretiert Paulus so, dass die Rechtfertigungslehre im herkömmlichen Sinn entfällt und die Grenze zu den Juden nicht mehr scharf ist. Ob diese Theologie die feministische Theologie beeinflusst hat oder direkt in die Übersetzung eingeflossen ist, kann ich nicht sagen. Das Anliegen der NPP ist auf jeden Fall auch das Anliegen der feministischen Theologie.
37. BigS S.2365.
38. Die BigS nimmt hier keine inhaltlichen Änderungen vor. Sie ersetzt vor allem das Wort „Gemeinde“ durch Kirche u.ä.
39. Vv. 26+29
40. Das wird auch der Grund für die weibliche Umformulierung von Jes. 53 sein.
41. Daher wird „hamartia“ bei Paulus durchgehend mit „Sündenmacht“ übersetzt.
42. BigS S.2380.
43. Hierbei handelt es sich um eine Neuauflage des Pelagianismus, der eigentlich und mit gutem Grund als klassische Irrlehre gilt.
44. BigS S.2332.
45. BigS S.2332.
46. Vernichtung, Verwüstung, Störung des Wachstums, Verderben, Untergang, Tod, Vergänglichkeit ... Das alles kann phtora bedeuten, aber die bloße Möglichkeit des Verderbens wird damit nicht ausgedrückt.
47. Das Wort wird mit „Unvergänglichkeit“ oder „Unverderblichkeit“ übersetzt.
48. also „Leib“ oder „Körper“
49. BigS S.2336, die angeführten Stellen sind nur nach der BigS ein Beleg dafür, dass man die Stellen so übersetzen kann, wie die BigS dies tut.
50. BigS S.2360, man fragt sich natürlich, weshalb ein „zentrales Anliegen“ der Übersetzung nicht schon in den umfangreichen Einführungen erwähnt wird.
51. BigS S.2377.
52. BigS S.2368.
53. Der vielleicht augenfälligste Beweis dafür ist die Vermeidung des Begriffes „Reich Gottes“.
„Um den zentralen Inhalt der Königsherrschaft Gottes hervorzuheben und verfehlten Assoziationen zu heutigen Erscheinungsformen von Monarchie vorzubeugen, wird der Begriff in der BigS auch mit „gerechte Welt“, „Welt Gottes“ o.Ä. übersetzt.“ BigS S.2337. Damit ist aber auch eindeutig der Aspekt der Herrschaft aufgehoben.
54. In der BigS ist es eine Frage der „eigenen Urteilskraft“, womit der Bezug auf Gott verloren geht.
55. BigS, aus dem Glossar zum Stichwort „euangelion“, S.2346.
56. DIE ZEIT, 6.4.06, Nr.15
57. NZZ vom 18.11.2006. Er kommt zu dem Schluss: „Die „Bibel in gerechter Sprache“ vermeidet erfolgreich, sich vom Eigensinn der biblischen Texte stören zu lassen. Ihr Umgang mit den Texten hat alle Züge einer schwärmerischen Ideologie. Die Texte verlieren dadurch den Status eines kritischen Gegenübers, an dem sich Auslegung und Auseinandersetzung orientieren können. Ihre Übersetzung dagegen ist nicht nur hermeneutisch einseitig, sonder an vielen Stellen philologisch unzuverlässig, historisch irreführend und theologisch konfus. Philologisch, historisch und theologisch ist diese Übersetzung unbrauchbar.“
58. BigS, S.26.