Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg ist die Antwort auf eine Frage, die Petrus Jesus gestellt hat:
„Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Was wird uns nun werden?“ (19,27)
Petrus möchte etwas über den himmlischen Lohn hören, für den die Jünger alles aufgegeben haben. Und Jesus verheißt ihnen, dass sie Israel auf den zwölf Thronen richten werden. Sie dürfen sich darauf freuen und sich dadurch ermutigen lassen. Das zeigt übrigens schon, dass das Gleichnis nicht als Begründung dafür dienen kann, dass im Himmel alle das Gleiche erhalten.
Jesus beantwortet die Frage also, aber er erkennt auch die Notwendigkeit, sie zu korrigieren, denn er schließt mit der Warnung:
„Aber viele Erste werden Letzte und Letzte Erste sein.“ (19,30)
Was Jesus mit dieser Ermahnung meint, erklärt er mit folgendem Gleichnis:
20,1 Denn mit dem Reich der Himmel ist es wie mit einem Hausherrn, der ganz frühmorgens hinausging, um Arbeiter in seinen Weinberg einzustellen.
Dieses Bild konnte der damalige Hörer sofort verstehen: Gott spricht im AT selbst von sich als von einem Weinbergbesitzer (Jes 5,1-7; Ps 80,9-15; Jer 12,10; Amos 9,13) und Israel wird mit dem Weinberg verglichen. Das Verhalten des Hausherrn war vertraut, denn viele Bauerngüter wurden mit Tagelöhnern bewirtschaftet. Das war billiger, als Sklaven einzusetzen. Denn im Gegensatz zum Einsatz eigener Sklaven musste der Gutsbesitzer nicht für die Versorgung im Krankheitsfall oder bei Verletzungen aufkommen und wenn ein Tagelöhner starb, verlor er keinen Teil seines Besitzes und mietete einfach einen anderen Tagelöhner. Sklaven ging es daher in der Regel erheblich besser als Tagelöhnern.
Der Tagelöhner dürfte mit zu den elendsten Gestalten des damaligen Wirtschaftslebens gehört haben, und mit diesen wird der Hörer gleichgesetzt. Mit diesem Bild dämpft Jesus unseren Hochmut und den der Apostel, die vermutlich lieber eine Geschichte über Könige gehört hätten.
Der Tag begann ca. um 6 Uhr. Die Arbeitszeit begann mit dem Aufstrahlen der Sonne und endete mit dem Aufscheinen der Sterne. Der Hinweg zählte zur Arbeitszeit, der Rückweg allerdings nicht.
2 Nachdem er aber mit den Arbeitern um einen Denar den Tag übereingekommen war, sandte er sie in seinen Weinberg.
Aus außerbiblischen Quellen geht hervor, dass der Denar ein üblicher Tagessatz war. Er entsprach auch dem Sold des römischen Soldaten. Von einem berühmten Gesetzesgelehrten wird berichtet, dass er nur einen halben Denar am Tag erhielt – was extrem wenig war. Um 150 n.Chr. erhielt ein Schreiber etwa 2 Denare am Tag.
Für einen Denar erhielt man:
- 10-12 kleine Fladenbrote
- oder 3-4 Liter Weizen, der für ca. 5 kg Weizenbrot reichte
- ein Lamm kostete 3-4 Denare
- ein Sklavenkleid 30 Denare
- und ein Ochse 100 Denare
Auch wenn es zu dem Denar häufig noch Kost für den Tag gab, ging es den Tagelöhnern nicht gut. Die rabbinische Literatur rechnete mit einem Existenzminimum von 200 Denaren pro Person pro Jahr. Das heißt, der Lohn reichte für den Tagelöhner, wenn er an mindestens 200 Tagen im Jahr arbeiten konnte und keine Familie zu versorgen hatte.
3 Und als er um die dritte Stunde ausging, sah er andere auf dem Markt müßig stehen;
Es gibt m.W. keinen Beleg dafür, dass es einen Stundenlohn gab, was vermutlich nicht zuletzt daran lag, dass man die Stunden nicht messen konnte. Einstellungen zu unterschiedlichen Tagesteilen sind daher unbekannt. Trotzdem ist der zweite Gang um ca. 9 Uhr denkbar.
Der Marktplatz war sprichwörtlich der Aufenthaltsort für Nichtstuer. Das griechische Wort, das hier mit „müßig“ wiedergegeben wird, kann auch „faul“ bedeuten und hat wohl einen ähnlich negativen Klang wie „müßig“.
4 Und zu diesen sprach er: Geht auch ihr hin in den Weinberg! Und was recht ist, werde ich euch geben.
Sie konnten vermutlich froh sein, überhaupt noch Arbeit gefunden zu haben. Arbeitslosigkeit war im 1. Jh. n. Chr. keine Seltenheit. An Verhandeln war wohl nicht zu denken.
5 Sie aber gingen hin. Wieder aber ging er hinaus um die sechste und neunte Stunde und machte es ebenso.
Das „ebenso“ heißt dann vermutlich, dass er ihnen versprach zu geben, „was recht ist.“ Die beiden Einstellungen fanden etwa um 12 und um 15 Uhr statt.
Die Hörer mussten sich spätesten hier sehr über das Verhalten des Weinbergbesitzers gewundert haben: erstens ist die ganze Lauferei ein erheblicher Zeitaufwand, zweitens muss er doch ungefähr wissen, wie viele Arbeiter er benötigt. Oder standen nicht mehr Arbeiter zur Verfügung und kamen erst nach und nach auf den Marktplatz? Ein vergleichbares Vorgehen wird in keiner bekannten Quelle berichtet.
6 Als er aber um die elfte Stunde hinausging, fand er andere stehen und spricht zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag müßig?
Kurz vor Feierabend, vermutlich gegen 17 Uhr ging er zum letzten Mal auf den Marktplatz. Auffällig ist die Frage: Was steht ihr hier den ganzen Tag müßig?
Die Kommentatoren deuten die Frage mal als Rüge, mal als Ausdruck des Mitleids.
Ein reiner Vorwurf kann es aber nicht sein, weil der Hausherr die Arbeiter noch gar nicht eingestellt hatte. Es wäre also befremdlich, wenn er auf den Marktplatz kommt, fremde Männer anfährt und zu einer Arbeit schickt, die es nicht gibt. Als reiner Trost ist die Frage aber auch ungeeignet.
Die Frage ist wohl einerseits ein klarer Ausdruck dafür, dass hier offenbar etwas nicht so läuft, wie es sein sollte: untätige Menschen sitzen auf dem Marktplatz herum. Andererseits soll die Frage klären, ob die Männer aus Faulheit hier sitzen, oder ob sie arbeitswillig sind und vergeblich auf ein Angebot gewartet haben.
7 Sie sagen zu ihm: Weil niemand uns eingestellt hat. Er spricht zu ihnen: Geht auch ihr hin in den Weinberg!
Ob es jemandem am Willen oder an der Möglichkeit zur Arbeit mangelt, erfährt man, indem man ihn zur Arbeit schickt. Diese Männer gingen tatsächlich in den Weinberg. Ein Lohn wird nicht erwähnt. Es ist schwer zu sagen, welche Erwartungen die Männer haben konnten, denn einen Stundenlohn gab es wie gesagt nicht.
8 Als es aber Abend geworden war, spricht der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Rufe die Arbeiter und zahle ihnen den Lohn, angefangen von den letzten bis zu den ersten!
Nach Lev 19,13 musste der Arbeitslohn noch am Abend ausgezahlt werden. In der Praxis machte ein Arbeitgeber das aber nur, wenn der Arbeiter ausdrücklich darauf bestand. Es war also ein ungewöhnlich korrektes Verhalten des Arbeitgebers, wenn er seinem Verwalter die Auszahlung von sich aus auftrug.
Ungewöhnlich war auch das Vorziehen der Letzten.
Von einem gleichen Lohn an alle sagt er nichts. Wie sich später herausstellt, hat hat er allerdings genau das gemeint. Der Verwalter hat die Aufforderung, allen ihren Lohn zu geben, also richtig verstanden, indem er allen ihren Tagessatz gab. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass es tatsächlich nur einen Tageslohn gab, der sich nicht nach der genauen Arbeitszeit bemessen hat. Arbeitgeber werden daher bemüht gewesen sein, möglichst früh die Arbeiter zu dingen.
9 Und als die um die elfte Stunde (Eingestellten) kamen, empfingen sie je einen Denar.
Hätte man in Stunden gerechnet, entspräche dies einem Lohn, der etwa 12mal so hoch ist, wie der normale Lohn. Wir wissen nicht, was sie erwartet haben. Aber wir können davon ausgehen, dass die Freude groß war.
10 Als aber die ersten kamen, meinten sie, dass sie mehr empfangen würden; und auch sie empfingen je einen Denar.
Die Erwartung der Ersten ist für den Leser oder Hörer nicht überraschend. Die einzige Erklärung, die sich anzubieten scheint, lautet: der Stundensatz hat sich spontan verzwölffacht. Wir halten unsere Arbeit in der Regel für so wertvoll, dass ein angemessener Lohn kaum möglich ist. Ich habe selten erlebt, dass jemand seine Arbeit für überbezahlt hält. In den Augen der Ersten werden also keine Regeln verletzt, wenn sich ihr Lohn plötzlich absurd vervielfacht. Keiner der Arbeiter hätte Skrupel gehabt, erheblich mehr zu verdienen als die Arbeiter, die an diesem Tag auf anderen Feldern für ihren Denar schuften mussten. Aber auch sie empfingen je einen Denar.
11 Als sie den aber empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn.
Dieses Murren findet man verdeckt in manchen Kommentaren zu diesem Gleichnis: manche Sprechen von einer „Provokation“ Jesu, beispielsweise für unser Wirtschaftsleben. Positiver nennen es andere eine „Herausforderung“. Man merkt auf jeden Fall, wie nahe uns das Murren liegt und wie natürlich uns der Eindruck kommt, der Hausherr habe ungerecht gehandelt – und das womöglich aus Spaß am Ärgern.
12 und sprachen: Diese letzten haben eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgemacht, die wir die Last des Tages und die Hitze getragen haben.
Nach der Entscheidung des Hausherrn konnten sie nicht mehr zufrieden auf ihr Tagewerk blicken. Ihre Arbeit wurde herabgewürdigt, denn sie hat ihnen nicht mehr eingebracht als den letzten.
Deshalb haben sie auf ihre Last hingewiesen und auf die besondere Schwere der Arbeit. Sollte der Hausherr ihre Arbeit nicht gesehen haben?
Das eigentlich schmerzhafte daran war aber nicht die Abwertung der Arbeit, sondern die Minderung ihrer Ehre. „Du hast sie uns gleichgemacht“ klagen sie, obwohl sie eigentlich einen Anspruch auf eine höhere Stellung hatten.
Der Hausherr zertrümmerte mit seiner Entscheidung nicht nur ihren zufriedenen Blick auf die eigene Arbeit, er ließ auch keinen Raum für Stolz.
Der Hausherr nimmt sich nun die Zeit für eine Erklärung seines Verhaltens, zu der er keineswegs gezwungen war.
Er geht in zwei Schritten zunächst auf die Konsequenzen für die Ersten und dann auf sein Verhalten gegenüber den Letzten ein.
13 Er aber antwortete und sprach zu einem von ihnen: Freund, ich tue dir nicht unrecht. Bist du nicht um einen Denar mit mir übereingekommen? 14 Nimm das Deine und geh hin!
Die Anrede „Freund“ war freundlich aber standesbewusst. Der Hausherr macht damit zwei Dinge deutlich: ich bin dir wohlgesonnen. Aber vergiss nicht, dass ich es bin, der diese Entscheidungen zu treffen hat; sofern die Abmachung nicht verletzt wird.
Und sie wurde nicht verletzt. Der Hausherr hat sich korrekt an die Vereinbarung gehalten. Die Wut der Arbeiter entzündete sich offenbar nicht an einem erlittenen Leid oder auch nur einem erlittenen Rechtsbruch.
„Nimm das Deine und geh hin!“ ist die Aufforderung, sich um die eigenen Angelegenheiten zu kümmern und zufrieden zu sein. Es ist also ein Weggehen von den anderen Lohnarbeitern, mit denen sich die ersten verglichen haben. Es ist aber auch ein Weggehen vom Herrn des Weinbergs und klingt daher wie eine Abfuhr. Irgendwie empfindet man es als unbefriedigend, so aus der Arbeit entlassen zu werden. Da es sich hier um ein Reich-Gottes-Gleichnis handelt, klingt dieses Wort bedrohlich, auch wenn hier eigentlich kein Bild für den Abfall verwendet wird.
Ich will aber diesem letzten geben wie auch dir.
Nachdem er klar gemacht hat, dass er den Ersten nichts Unrechtes tut, bestätigt er seinen Willen, die Letzten Arbeiter zu erheben und ihnen den vollen Lohn zu geben.
Hier antwortet er auf die Verachtung, die in der Klage der Ersten mitschwang, als sie von „diesen“ sprachen, die so wenig gearbeitet haben. Durch den Lohn stellt er sie mit den Ersten auf eine Stufe und verbietet so die Herablassung der Ersten.
Er macht aber vor allem klar, dass der Grund für den unerwarteten Geldsegen seine Ursache im Willen des Hausherrn hat. Es war keine Gedankenlosigkeit, keine Unwissenheit. Es geschah nicht aus fleischlicher Parteinahme oder menschlicher Sympathie, sondern allein aufgrund seines Willens „Ich will aber diesem letzten geben wie auch dir“.
15 Ist es mir nicht erlaubt, mit dem Meinen zu tun, was ich will?
In diesem Satz taucht der Hausherr gleich dreimal auf: Ist es
Den Ersten widerfährt also kein Unrecht, den Letzten gibt er in Güte. Die absurde Konsequenz lautet also: Oder blickt dein Auge böse, weil ich gütig bin? Oder: „Ist dein Auge böse, weil ich gut bin?“ Das „böse Auge“ war ein stehender Ausdruck für den Neid, was nicht auffällt, weil er in der Regel einfach mit „Neid“ übersetzt wird. Hier muss man wörtlich übersetzen, um den Witz dieser Frage zu verstehen: das böse Auge steht dem guten Hausherrn gegenüber. Der Arbeiter sieht gütiges Verhalten und sein Blick verfinstert sich, als hätte er ein schlechtes Verhalten gesehen. Es ist klar: die Reaktion ist vollkommen unangemessen. Die Arbeiter stehen am Ende als die ungerechten da, und der Herr des Weinberges ist gut. 16 So werden die Letzten Erste und die Ersten Letzte sein Der folgende Teil des Verses ist in den alten Handschriften nicht enthalten und vermutlich dort ergänzt worden. Aber auch wenn es in dem Gleichnis nicht um das Verlorensein geht, ist diese ernste Ermahnung nicht fehl am Platze: Denn viele sind Berufene, wenige aber Auserwählte. Jede Sünde genügt für die Hölle und nicht zuletzt der fromme Hochmut, den Jesus mit dem Gleichnis geißelt. Mit dem Gleichnis gibt Jesus eine wirksame Hilfe an die Hand, den Hochmut an der Wurzel zu bekämpfen. Dann stellt sich allerdings die Frage: weshalb lässt er sie dann überhaupt arbeiten? Der gleiche Lohn für alle zeigt aber, dass unsere Arbeit nicht die Ursache für den Lohn ist sondern allein Gottes Erbarmen. Dass unser Erbe nämlich als „Lohn“ bezeichnet wird, darf uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass Gott von unserer Arbeit nichts hat. Er bezahlt nicht aus einer Notwendigkeit heraus, sondern aus Güte. Deswegen beendet Jesus das Gleichnis mit dem Hinweis auf seine Güte; diese Güte, die ihn immer wieder auf den Marktplatz getrieben hat, die sein Herz gegenüber den Letzten gerührt hat, so dass er sie so schnell wie möglich froh machen wollte und daher vorzog. Diese Güte führt er selbst als Grund für sein Verhalten an. Und tatsächlich ist sie die beste und einfachste Erklärung für sein ungewöhnliches Vorgehen. Auf diese Güte sollen wir den Blick gerichtet halten. „Preist den HERRN,
Er ist der einzige, der wirklich etwas verliert und zwar mehr als Recht ist. Die Kommentatoren sind sich darin einig, das kein irdischer Arbeitgeber damals so eine Lohnpraxis lange überlebt hätte.
Diejenigen, welche sich auf den ersten Plätzen der Lohnliste sahen, müssen sich am Ende noch die Rüge ihres Herrn gefallen lassen.
Jesus führt in dem Gleichnis eine Gruppe von Arbeitern ein, die scheinbar ihren Lohn erarbeiten. Dies ist die Personengruppe, mit der wir uns als Hörer automatisch identifizieren. Kaum jemand ist dabei, der sich automatisch zu den Letzten zählt. Wir lesen das Gleichnis als Ermahnung, wie wir die Letzten betrachten sollen. Jesus greift daher die Eitelkeit der Apostel auf, aber natürlich auch unsere eigene.
Er lässt uns durch die Brille der Ersten auf die Letzten sehen, weil das der Blick ist, den wir gewohnt sind. Und dass er zu anderen Menschen gütig ist, sehen wir leichter, als seine Güte uns gegenüber. Für die besitzen wir eine angeborene Blindheit.
Aber an der Tatsache, dass die Letzten ihren vollen Lohn aufgrund der Güte des Hausherrn erhalten, erkennen die ersten schlagartig, dass sie selbst ihren Lohn ebenfalls nur aus Güte erhalten. Die Frage, die sie sich spontan stellen mussten war doch: wofür haben wir denn dann gearbeitet? Vor dem Hausherrn scheint unsere Arbeit nicht zu zählen. Denn wenn wir es gewesen wären, die nur eine geringe Leistung erbracht hätten, wären wir selbst in den Genuss der Güte gekommen.
Der Hausherr gibt also offensichtlich nicht, weil er einen Nutzen von der Arbeitskraft der Tagelöhner hat, sondern weil er sie an seiner Güte Anteil haben lassen will – auch die vermeintlich ersten.
Wenn letztlich aber die Güte und nicht die erbrachte Leistung zählt, dann haben alle am Ende das Gleiche vorzuweisen. Vor der Güte sind alle Arbeiter gleich. Das ist der Gedanke, mit dem unser Hochmut in der Wurzel bekämpft werden soll.
Die Arbeit im Weinberg entspricht dem Verlassen der Welt von dem Petrus in V.27 spricht: „Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.“ Jesus ruft die Menschen zu sich, wie ein Weinbergbesitzer Tagelöhner. Diese müssen ihren Marktplatz des Müßigganges verlassen, wie die Jünger ihr altes Leben. Die Arbeit im Weinberg ist daher ein Bild des Absterbens. Wer von Jesus gerufen wird, gehört nicht mehr sich selbst sondern einem anderen, so wie die Arbeiter ihrem Herrn gehorchen müssen und nicht mehr in dieser Welt leben sondern in der Welt ihres Herrn.
Hätte nun der Hausherr den Arbeitern einfach so einen Denar verteilt, hätten sie es leicht als eine erfreuliche Schmeichelei gedeutet. Sie hätten es so verstehen können, dass hier jemand ist, der endlich ihren wahren Wert und ihre wahren Bedürfnisse versteht. Mit diesen Überlegungen hätten sie leicht dem Gedanken erliegen können, sie seien besonders würdig und verdienten den Denar. Daher schickte er sie in den Weinberg. Sie sollen ihren Platz verlassen, sich aufraffen, ihren Tag, den sie nach ihrer Lust und ihrer Laune gelebt haben beenden. Und sie sollen lernen, dass sie ihren Willen einem anderen unterordnen müssen, der ihnen das Notwendige zum Leben gibt. Die Arbeit soll sie demütigen und ihnen ihre tatsächliche Hilflosigkeit vor Augen halten.
Und darum verlangt Jesus auch von uns, dass wir unserem alten Leben absterben und unser Kreuz auf uns nehmen müssen. Durch das Verlassen unseres alten Lebens werden wir gedemütigt: es erinnert uns daran, dass unser altes Leben zum Tod führt. Wir wären in unseren Sünden gestorben, wenn Jesus uns nicht in sein Reich gerufen hätte. Wir müssen also rausgehen und unser altes Leben verlassen, uns unter seinen Willen demütigen und sein Leben empfangen.
Wieso spricht der Heilige Geist in der Bibel dann überhaupt von Lohn?
Weil durch das Bild des Lohnes unser Absterben an seine Verheißung gebunden wird. Unser Absterben hat also keinen Selbstzweck und steht nicht unvermittelt neben unserer Hoffnung auf die Erlösung. Hätte das Absterben nichts mit unserem Heil zu tun, wären wir geneigt zu glauben, dass wir unabhängig von der Arbeit ein Geldgeschenk erhalten, und wir wären wieder versucht, deswegen aufgeblasen zu sein. So ähnlich, wie es den Arbeitern bei der großzügigen Spende gegangen wäre. Der Unterschied bestünde nur darin, dass die Arbeiter anschließend noch etwas Schein-Arbeit erledigen sollten.
Nur durch die Verbindung von Absterben und Verheißung im „Lohn“-Begriff macht Gott deutlich, dass das Absterben eine lebensnotwendige Sache ist. Das Absterben ist die erste und vornehmste Übung zu unserem Heil. Gleichzeitig ist es aber auch die Ermutigung, in unserem Elend die Hoffnung auf Seine Güter zu erhalten. Wir würden im Kampf gegen unsere verdorbene Natur schnell entmutigt. Deshalb hat Jesus uns die Aussicht auf den Lohn gegeben, damit wir in unserem Kampf sehen, dass er nicht vergeblich ist, sondern großen Lohn erwarten dürfen.
Für den Stolzen ist die Güte eine unerwünschte Demütigung, und ein Anstoß zum Neid. Für denjenigen aber, der bei sich nur Nutzlosigkeit vor Gott sieht, ist sie ein Grund zum Jubeln. Der verlässt gerne sein müßiges Leben und ordnet sich dem unter, der allen willig gibt.
Mt schließt an das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg die dritte Leidensankündigung an. Wenn Jesus den Herrn des Weinbergs fragen lässt „Ist es mir nicht erlaubt, mit dem Meinen zu tun, was ich will?“ (V.15), dann spricht Jesus von seinem eigenen Tod. Denn er wollte von dem Seinen alles geben. Auf diese Weise lässt er uns an seinen Gütern teilhaben und überschüttet uns mit dem Reichtum des Himmels.
Wir empfangen aus seiner unendlichen Güte. Es gibt daher keinen Raum für Stolz. Aber viel Grund, Gott für seine Güte zu loben.
denn er ist gut,
denn seine Gnade währt ewig“
(Ps 106,1)