Elia war neben Mose einer der beiden bedeutendsten Männer im Alten Testament. Mose stand für das Gesetz, Elia für die Propheten. Elia rang in der vielleicht dunkelsten Zeit Israels mit dem übelsten Königspaar im Alten Testament: Ahab und Isebel, die das Volk zum Baals-Kult zwang.
Nach diesem Propheten, auf dessen Gebet hin Gott aus dem Himmel kein Wasser dafür aber Feuer fallen ließ, erwählte Gott einen relativ unscheinbaren Nachfolger: Elisa. Viele seiner Wunder spielen sich im Verborgenen ab, weit ab von der großen Politik und ohne große öffentliche Wirkung. Das gilt auch für die Erzählung in 2. Könige 6, 1-7
1 Und die Söhne der Propheten sagten zu Elisa: Sieh doch, der Raum, wo wir vor dir wohnen, ist zu eng für uns.
Die „Söhne der Propheten“ scheint ein Ausdruck für die Prophetenschüler gewesen zu sein, der in der Bibel allerdings nur im Zusammenhang mit Elia und Elisa vorkommt. In 2. Könige 2 werden Prophetenschüler in Bethel und Jericho erwähnt. Von letzteren gingen fünfzig mit, um Elia bei seiner letzten Wanderung zum Jordan zu begleiten, was darauf hindeutet, dass es dort mehr als fünfzig gab. Wie viele solcher Schulen es gab und wie viele Propheten und Prophetenschüler, lässt sich nicht sagen. Die Schüler schienen mehr als bloße Hörer gewesen zu sein, teilweise übernahmen sie die Aufgaben eines Propheten (1.Kö 20,35; 2.Kö 9,6). Wir wissen von Prophetenschülern, die verheiratet waren (2.Kö 4,1ff) und daher in der Lage gewesen sein müssen, einen eigenen Hausstand zu gründen. Woher sie das dazu nötige Geld erhielten ist nicht klar, zumindest wenn sie wie Elisa nach ihrer Berufung umgehend ihre Arbeit verlassen haben (1.Kö 19,19-21).
Die Prophetenschüler in Vers 1 wohnten direkt bei Elisa. Sie haben ein ausgesprochen kärgliches Leben gewählt, um von diesem großen Mann Gottes zulernen. Sie sprechen nicht von repräsentativen Bauten, sondern von ihrem Wohnraum, der offenbar eine simpel gezimmerte Holzbaracke ist, in der alle Schüler gemeinsam wohnen.
Vielleicht wurden einige der Schüler zunächst auch aus falschen Motiven angelockt, vielleicht waren sie einfach beeindruckt von den Wundern, die Gott durch Elisa gewirkt hatte. Aber durch die Armut wurde sicher manche Spreu vom Weizen getrennt. Für die Ernsthaften unter ihnen war ein schlichter Holzbau, in dem sie etwas über Gott erfahren konnten, alles was sie verlangten.
Und erfreulicherweise kamen offenbar neue Schüler dazu, denn der Raum wurde zu eng. Sie wollen nicht wegziehen oder Elisa nur noch als Gastredner hören, sondern in seiner Nähe wohnen bleiben. Daher schlagen sie vor:
2 Lass uns doch an den Jordan gehen und von dort jeder einen Balken holen und uns hier einen Ort herrichten, um dort zu wohnen! Und er sagte: Geht hin!
Die Bitte zeugt von einem Leben in Einfachheit und Fleiß: sie wollten nicht Gott bitten, dass er ihnen ein großes Haus schenkt. Sie streiften nicht bettelnd umher, um Handwerker bezahlen zu können, damit das ganze vernünftig aussieht. Sie schickten auch nicht die drei handwerklich geschicktesten Schüler los um das Haus zu bauen sondern wollten alle helfen. Jeder wollte am Jordan einen Baum fällen und ihn zum Bauplatz schleppen.
3 Und einer sagte: Tu uns den Gefallen und geh mit deinen Knechten! Und er sagte: Ich will mitgehen. 4 So ging er mit ihnen. Und sie kamen an den Jordan und hieben die Bäume um.
Vermutlich ging es dem Mann nicht um einen Gesprächspartner. Das Fällen und Schleppen der Bäume war keine gesellige Zeit sondern harte Arbeit. Es ist viel wahrscheinlicher, dass er seinen Lehrer liebte und sein Herz immer brannte, wenn Elisa ihm die Schrift öffnete (vgl. Lk 24,32). In dem Propheten war er sich der Nähe und des Erbarmens Gottes gewiss und dies äußerte sich auch in dem unbestimmten Wunsch, die Schüler bei ihrer Arbeit zu begleiten.
Elisa ging mit, und es kam zu einer Lektion in dieser Prophetenschule, die so bemerkenswert war, dass sie ihren Platz in der Bibel erhalten hat. Die Schüler taten das, was zu der Arbeit eines Propheten gehört: Abreißen und Aufbauen (Jer 1,10). In ihrem Beruf bewirken sie das allerdings nicht durch eine Axt sondern durch das Wort Gottes. Die Arbeit am Jordan war aber ein Sinnbild für ihre spätere Arbeit als Prophet.
5 Es geschah aber, als einer einen Balken fällte, da fiel das Eisen ins Wasser. Und er schrie auf und sagte: Ach, mein Herr! Und dabei ist es doch geliehen!
Die Arbeiten wurden offenbar direkt am Ufer des Jordan durchgeführt. Die Gefahr, dass sich der Eisen-Kopf vom Holzgriff löst, besteht auch bei modernen Beilen und erfordert immer einen guten Teil der Aufmerksamkeit.
Der Schüler hatte vermutlich nicht genug Geld für ein eigenes Beil und offenbar auch nicht, um es seinem Nächsten, von dem er es geliehen hatte, zu erstatten. Die Not war also groß, denn er schämte sich einerseits gegenüber dem Eigentümer des Beils und andererseits beklagte er den Schaden, den er dem anderen unabsichtlich zugefügt hatte. Seine Reaktion war gerade aus der Sicht eines empfindsamen Gewissens höchst verständlich.
Und dabei war es eine Erfahrung, die nichts war im Vergleich zu dem, was er als Prophet noch vor sich hatte, wenn er das Wort Gottes aus Unachtsamkeit fallen lässt und nur noch beobachten kann, wie es versinkt. So geht es einem Prediger, der Gottes Wort predigt und nicht ahnt, welche Wellen er damit losschlägt, der vielleicht aus Gedankenlosigkeit rügt und mehr Lieblosigkeit als Mut beweist. Wenn er dann sieht, wie die Hölle tobt und über das Wort Gottes herfällt, das er so leicht im Mund führte, wenn die Kritik an seiner Unachtsamkeit das Wort flutet und keine Glaubwürdigkeit für ein klärendes Wort mehr da ist, dann kann die Verzweiflung groß sein. Die Gottlosen haben das Wort, welches er predigen sollte, ergriffen und auf den Grund der Hölle gezerrt – und dabei war es nur geliehen!
6 Der Mann Gottes aber sagte: Wohin ist es gefallen? Und er zeigte ihm die Stelle.
Elisa sah die Not des Mannes. Wie viel mehr dürfen wir hoffen, dass Jesus unsere Not sieht. Wenn er dann wissen will, wohin es gefallen ist, gibt es keinen Platz für billige Erklärungen und Entschuldigungen – auch wenn wir uns eher an jeden anderen Ort der Welt wünschen. Der Platz des Unglücks darf dann nicht verschwiegen werden.
Da schnitt er ein Holz ab und warf es hinein und brachte das Eisen zum Schwimmen.
Das Vorgehen dürfte für den Israeliten nicht grundsätzlich erstaunlich gewesen sein: Mit Holz wurde die Arche gebaut, damit Noah mit seiner Familie vor den Fluten gerettet werden konnten. Mit einem Holz-Stab hat Mose das Meer geteilt (2.Mose 14,16), damit die Israeliten hindurchziehen konnten, mit einem Holz-Stab brachte er einen Felsen dazu, Wasser in der Wüste hervorsprudeln zu lassen, durch ein Stück Holz machte er giftiges Wasser trinkbar (2.Mose 15,25), in einer Holzkiste wurden die Steintafeln mit den 10 Geboten transportiert und nun bringt Elisa durch Holz Eisen zum Schwimmen und rettet es so vor dem Versinken im Wasser.
Wenn Gott seiner Kirche aus der Not heraus half, benutzte er regelmäßig Holz. Die symbolische Bedeutung des Holzes als Werkstoff des Heilswirkens kam daher auch bei den Opfern vor, die auf (brennendem ) Holz dargebracht wurden. Und nicht zuletzt Jesus selbst wurde an dem Holz geopfert, das für die Christen in aller Welt zum wichtigsten Symbol ihrer Rettung wurde.
Letzteres konnte der Prophetenjünger natürlich noch nicht wissen, aber Gott hat oft genug Holz als Hilfsmittel benutzt, um Menschen aus Erbarmen vor dem Verderben zu bewahren. Dadurch wird die ganze Arbeit der Prophetenjünger in ein neues Licht gerückt: das Beil besteht aus einem Holzgriff und einem Eisenkopf. Der Holzgriff muss fest umgriffen und die denkbare Flugbahn des Eisens im Blick behalten werden. Genau so muss ein Prediger Gottes Erbarmen fest umgreifen und im Hinblick auf das Wort Gottes, die Wirkungen seiner scharfen Waffe im Blick behalten. Denn wie schlimm und wie gefährlich ist es (vgl. 4 Mose 35), wenn er selbst zwar das Erbarmen Gottes fest ergriffen hat, aber sein Wort wie ein unkontrolliertes Eisen durch die Gegend fliegt. Dann ist es zwar vielleicht noch Wort Gottes, aber ohne die Ernsthaftigkeit des Evangeliums ohne das Bewusstsein seiner Schärfe und seiner Kraft zu zertrümmern und lebendig zu machen (2 Kor 2,16; Hebr 4,12). Der Prediger benimmt sich dann wie ein Betrunkener, der mit einem Dornzweig herumfuchtelt (Spr 26,9).
Wenn das geschieht, bekommen die Gegner des Evangeliums das sofort mit und fallen über das Wort her wie über eine sichere Beute. Dem Propheten bleiben nur Scham und Trauer.
Aber wenn wir dann denken, es ist alles vergebens und das Wort in unserem Mund hängt, wie ein schlaffer Schenkel am Lahmen (Spr 26,7), dann greift Gott ein und wirft sein Holz in die Fluten. Unsere Rolle ist die des Beobachters am Ufer: wir sehen, wie sich das Wort Gottes langsam wieder und ohne unser Zutun erhebt und der Gewalt des Wassers trotzt. Wir sehen, wie alles Toben der Hölle kraftlos zurückweicht, wenn Gottes Wort sich erhebt. Menschen erkennen ihre Sünden und es geht ihnen zu Herzen, sie bekehren sich zu dem, der ihnen die Sünden vergibt und loben Gott.
7 Und er sagte: Hole es dir heraus! Da streckt er seine Hand aus und nahm es.
Der Prophet sollte nicht mit seiner Arbeit aufhören, sondern mutig das Wort wieder ergreifen und auf den Holzstiel setzen, wo es hingehört. Denn auch wenn Menschen als Hirten und Prediger unzuverlässig sind, hat es Gott gefallen, Menschen zur Verkündigung seines Wortes einzusetzen. Gerade deswegen darf uns die Ernsthaftigkeit dieser Aufgabe nie aus dem Blick geraten, und wir sollten mit Paulus sagen können:
Wir sind ja nicht wie die vielen,
die mit dem Wort Gottes Geschäfte machen;
sondern wie man aus Lauterkeit und aus Gott reden muss,
so reden wir vor Gott
in Christus.
2 Kor 2,17